Angst vor Bio-Terror steigt
US-Regierung: "Milzbrand-Fälle sind Terrorakte"

In den Vereinigten Staaten häufen sich die Fälle von Milzbrand und versetzen immer mehr Menschen in Angst vor bioterroristischen Anschlägen. Gut eine Woche nach dem Tod eines Angestellten wurden nach Angaben der Polizei am Wochenende fünf weitere Mitarbeiter des Verlagshauses American Media im US-Bundesstaat Florida positiv auf Anthrax getestet.

afp/ap/rtr WASHINGTON/NEW YORK/LONDON. Auch in einem Brief an den Computerkonzern Microsoft wurden Spuren des Milzbranderregers entdeckt. Nach einem zweiten Test gaben die Behörden jedoch vorerst Entwarnung. Ein zweiter Mitarbeiter des TV-Senders NBC in New York zeigte dagegen Symptome der gefährlichen Infektionskrankheit. Vizepräsident Dick Cheney stellte am Samstag zum ersten Mal eine Verbindung zwischen den Milzbrandfällen und dem mutmaßlichen Top-Terroristen Osama bin Laden her. Das Gesundheitsministerium versetzte alle Gesundheitsdienste der USA in höchste Alarmbereitschaft.

Bei fünf Mitarbeitern von American Media in Boca Raton wurden Milzbranderreger nachgewiesen. Unklar war zunächst, ob die neuen Fälle im Zusammenhang mit drei früheren Infektionen in der Firma standen. Der Kontakt mit den Erregern kann nach Angaben der Ermittler auch schon länger zurückliegen. Am 5. Oktober war ein 63-jähriger Angestellter von American Media an Lungenmilzbrand gestorben. Zwei weitere Fälle waren bereits bekannt geworden. Fast 1 000 Menschen, die sich in den Büroräumen aufgehalten hatten, wurden auf Milzbrand getestet und mit Antibiotika behandelt.

Zweiter Angestellter von NBC zeigt Symptome

Bei NBC zeigte ein zweiter Angestellter typische Symptome wie Ausschlag, Fieber und geschwollene Lymphknoten, wie New Yorker Behördenvertreter mitteilten. Am Freitag war bekannt geworden, dass sich eine Mitarbeiterin des Senders mit Hautmilzbrand infiziert hatte. Sie hatte einen an Starmoderator Tom Brokaw adressierten Drohbrief geöffnet, in dem die US-Bundespolizei FBI den Erreger entdeckte. Die Frau war den Angaben zufolge auf dem Weg der Besserung. Ein ähnliches Schreiben an eine frühere Nahost-Korrespondentin der "New York Times" wurde noch analysiert. In New York strömten daraufhin am Wochenende zahlreiche Bewohner in die St.-Vincent-Klinik in Manhattan, um sich auf Milzbrand testen zu lassen.

Ein Brief, den Microsoft an einen Händler in Malaysia verschickt habe, wurde dort manipuliert und an den Absender nach Reno zurückgeschickt, wie der Gouverneur des US-Bundesstaats Nevada sagte. Das Schreiben, das kein Pulver wie bei ähnlichen verdächtigen Briefen enthalten habe, wurde zu weiteren Untersuchungen in ein Kontrollzentrum in Atlanta geschickt.

Amerikanische Regierung geht von Terror aus

Die amerikanische Regierung stuft die Milzbrandfälle in den USA mittlerweile als terroristische Tat ein. Mehrere Minister erklärten jedoch am Sonntag, es gebe keine direkten Beweise für eine Verbindung zu dem mutmaßlichen Terroristenführer Osama bin Laden.

Gesundheitsminister Thommy Thompson sagte: "Die Versendung von Milzbrandbakterien mit der Post ist sicherlich eine terroristische Tat." Und Justizminister John Ashcroft erklärte, man müsse prüfen, ob die Fälle mit Bin Laden in Verbindung stünden. Zurzeit sei es jedoch voreilig zu sagen, ob es einen direkte Verbindung ihm gebe, sagte der Justizminister. Ein Sprecher der afghanischen Taliban-Botschaft in Pakistan erklärte, die USA machten einen Fehler, wenn sie bei der Klärung der Milzbrandfälle sich nur auf Bin Laden konzentrierten. Die USA hätten viele Feinde, sagte der Sprecher.

Cheney: Milzbrandfälle kein Zufall

Bin Laden habe in der Vergangenheit versucht, sich biologische und chemische Massenvernichtungswaffen anzueignen, sagte Vize-Präsident Cheney. In den Trainingslagern von Bin Ladens El Kaida in Afghanistan seien seine Anhänger in der Anwendung solcher Substanzen geschult worden. Auch wenn die Ermittlungen noch nicht abgeschlossen seien, halte er die Milzbrandfälle nicht für einen Zufall, sagte der US-Vizepräsident. Für eine Verbindung zu den Terroranschlägen vom 11. September liegen nach Angaben des FBI dagegen keine Hinweise vor.

Falscher Alarm und Trittbrettfahrer sorgten in den USA darüber hinaus für Panik. Die Fluggesellschaft US Airways leitete einen Flug aus North Carolina um, weil an Bord eine "verdächtige Substanz" entdeckt wurde. Eine United-Airlines-Maschine aus London musste in Washington auf der Rollbahn warten, weil Mitglieder der Besatzung ein weißes Pulver in der Toilette gefunden hatten. In den USA verschärften die Postabteilungen von Unternehmen und Behörden ihre Sicherheitsvorkehrungen. Justizminister John Ashcroft rief seine Landsleute zur Vorsicht auf beim Öffnen ihrer Post.

Vorfälle auch in Kathedrale von Canterbury und in Lufthansa-Maschine

Auch in Großbritannien wächst die Angst vor dem Milzbrand-erreger. Die Kathedrale von Canterbury wurde am Sonntag evakuiert, nachdem ein Unbekannter weißes Pulver in einer der Kapellen verstreut hatte. Worum es sich bei der Substanz handelte, konnte eine Sprecherin der britischen Polizei zunächst nicht sagen. Proben des Stoffes müssten zunächst zur Untersuchung eingeschickt werden. Die Räumung des im Osten von London gelegenen Gotteshauses sei eine reine Vorsichtsmaßnahme. Wie die Polizeisprecherin weiter mitteilte, wurde ein Mann bei der Verteilung des Pulvers beobachtet. Es habe ihn aber niemand festgehalten.

Auch aus Brasilien wurde ein Vorfall gemeldet. Die brasilianische Polizei untersuchte am Sonntag ein Lufthansa-Flugzeug, in dem verdächtiges Pulver entdeckt wurde. Das weiße Pulver sei bei der Reinigung der Maschine gefunden worden, meldeten die brasilianische Agentur Globo und der Nachrichtensender CBN. Demnach befand sich die verdächtige Substanz offenbar in einer Tasche, die von einem Passagier zurückgelassen worden war. Das Flugzeug war von Frankfurt am Main nach Rio de Janeiro geflogen. Ein Sprecher der Lufthansa bestätigte die Informationen grundsätzlich. Er betonte zugleich, dass es bislang "keinen Anlass zur Beunruhigung" gebe. Der am Samstag bei der Mainzer "Rheinzeitung" aufgetauchte verdächtige Brief enthielt laut Polizei nach bisherigen Untersuchungen keine gefährlichen Spuren.

Der Lufthansa-Sprecher sagte, die Fluglinie sehe zwar keinen Grund zur Beunruhigung, warte aber natürlich erstmal die Analysen des Pulvers ab. Auf dem Platz, auf dem dieses gefunden wurde, saß dem Sprecher zufolge ein Familie mit Kindern.

In NRW bis Samstag zehn Fälle von Trittbrettfahrern

Bei dem verdächtigen Brief, der bei der "Rheinzeitung" eingegangen war, gibt es nach Angaben der Polizei Mainz bislang "keinerlei Anzeichen", die auf Erreger schließen lassen. Ein endgültiges Ergebnis der Untersuchung sollte am Sonntagabend oder spätestens am Montag vorliegen. Aus dem Umschlag, den eine Angestellte geöffnet hatte, war den Angaben zufolge eine weiße Substanz herausgerieselt. Die Polizei war bereits am Samstag von einem "Trittbrettfahrer" ausgegangen.

In Nordrhein-Westfalen tauchten nach Angaben des Innenministeriums in Düsseldorf bis Samstag zehn Verdachtsfälle auf, die aber alle auf Trittbrettfahrer zurückzuführen waren. So hätten zum Beispiel Betrunkene Briefe hinter Scheibenwischer gelegt und sich danach selbst gestellt.

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