Angst vor zweitem Napsterloo
Kolumne: E-Buch versus P-Buch

Bis vor ein paar Monaten gehörte es zum guten Ton, das elektronische Buch - E-Book genannt - als blinde Technologieversessenheit zu verdammen. Bibliophile Liebhaber beschrieben schwärmerisch die untrüglichen Vorzüge gedruckten Papiers und das wohlige Gefühl einer klassischen Bettlektüre. Sollte trotz alledem die geschmacklose Frage nach dem Marktpotenzial des E-Buchs aufkommen, so dienten Parallelen zu Überschallflugzeugen oder zu genetisch veränderter Nahrung als Argumente, um jedwede Diskussion im Keime zu ersticken. Das hat sich mittlerweile geändert.

Das vielleicht untrüglichste Zeichen für die Entwicklung ist die immer häufiger empfundene Notwendigkeit, ein gedrucktes Buch durch den Ausdruck "P-Buch" (für Print-Buch) explizit als solches zu indentifizieren - die Analogie zu s-mail (fuer snail mail, d.h. konventionelle Briefpost) zu Beginn des Siegeszugs des e-mail ist kaum zu verkennen.

Hier in den USA überschlagen sich die Meldungen der vergangenen Wochen: Amazon.com bildet E-Buch Allianz mit Microsoft; Barnes & Noble.com hat dies theoretisch schon seit Jahresanfang, setzt aber mit einem Adobe/ Glassbook Deal noch eins drauf; Time-Warner started im Herbst iPublish (für etablierte Autoren) und iWrite (für "Autoren in spe"); Fernsehgigant NBC bietet auf seiner Webseite iNBC sogar das Anlegen von Privatbibliotheken mit Suchfunktionen an; Simon and Schuster, Random House , Penguin Putnam, kurz alle etablierten Spieler im US-amerikanischen Buchmarkt starten derzeit groß angelegte E-Buch-Initiativen.

Woher kommt die plötzliche Euphorie? Sind die Konsumenten angesprungen? Eher nein, wenn man eine Umfrage von Seybold Research zu Rate zieht. Zwar könnten sich 66 % der Befragten vorstellen, ein Nachschlagewerk auf dem Computer zu lesen. 46 % halten es fuer denkbar, einen Fremdenführer auf einer portablen Plattform, wie den im Trend liegenden PDAs, zu lesen. Und immerhin noch 44 % würden ein Fachbuch auf dem Laptop konsultieren. Aber der Gedanke, dafür zu bezahlen, lag den meisten fern. Lediglich 12 % halten es für wahrscheinlich, dass sie im Verlauf des nächsten Jahres ein elektronisches Buch kaufen könnten.

Auch von einem Technologiesprung kann nicht die Rede sein - die Fortschritte der letzten Jahre waren eher bedrückend langsam.

Geschäfte mit Gruseleffekt

Dennoch ist das E-Buch in. Bekannte Autoren starten Versuche, allen voran Gruselautor Stephen King , der im Scheinwerferlicht der weltweiten Medien zunächst eine kleine Geschichte ("Riding the Bullet") exklusiv für das Internet schrieb und nun dazu übergegangen ist, seinen neuen Roman Kapitel für Kapitel elektronisch zu veröffentlichen. Allerdings erwartet Erfolgsautor King, dass die Internetleser freiwillig zahlen. "Nur ein durch und durch schlechter Mensch bestiehlt einen blinden Zeitungsjungen". Offenbar zieht die Parallele - auch wenn die implizite Bedürftigkeit des Multimillionärs manchem Leser geschmacklos erscheinen mag.

Fuer viele Konsumenten unbemerkt hat die Bewegung zur elektronischen Publikation jedoch schon zuvor starke Veränderungen hervorgerufen. Ein frühes Opfer war das traditionelle Geschäft der Enzyclopaedia Britannica, des weltweit wohl angesehendsten Nachschlagewerks, welches zunächst von CD-ROM Lexika, wie Microsofts Encarta, angegriffen wurde. Inzwischen ist auch ein Großteil der wissenschaftlichen Publikationen nur noch online erhältlich, da die limitierte physische Distribution nicht mehr lohnt.

Moby Dick lesen und Walfischsongs hören

Die Vorteile eines E-Buchs liegen auf der Hand: Die Distributionskosten können vernachlässigt werden, das Fassungsvermögen ist enorm. Das E-Buch kann Reisebibliothek oder Jahreskurrikulum in der Tasche sein. Eine effiziente Verknüpfung, Organisationsmöglichkeit und Suchfunktionen kommen hinzu. Auch Kommentare/Modifikationen sind effektiv erstellbar. Nicht zuletzt ist die multimediale Ausgestaltung in oft attraktiv. P-Buch Liebhaber spotten zwar berechtigterweise über Exzesse ("Moby Dick mit Walfischsong"), aber Paedagogen wissen, um wieviel effizienter multimediale Darstellungen sein können. All dies sollte signifikante Marktsegmente öffnen.

Die Nachteile des E-Buchs sind fehlende Standards ("Open E-Book" ist inzwischen ein guter Kandidat), Preiseinstiegsbarrieren und noch immer ungewohnte Formate: Ob als einseitiges Taschenbuchformat, als aufklappbares - sogar in Leder gebundenes - zweiseitiges Buch oder gar im Zeitschriftenformat: alles wirkt elektronisch zunächst ungewohnt.

Das Internet und das Menetekel Napster im Musikbereich hat jedoch inzwischen den führenden Medienunternehmen Beine gemacht. Neben den frühen E-Buch Formaten Rocket-eBook und Softbook, die inzwischen beide von Gemstar akquiriert wurden, drängen nicht nur neue dedizierte E-Buecher, sondern auch Windows CE-basierte All-round-Geräte, Palm Pilots und sogar WAP-Telefone in den Markt. In Australien veröfffentlichte Sharon Hague, von Nokia gesponsort, gerade das erste Kapitel Ihres Buchs "The Faithful Myth" für WAP-Handies.

Das E-Buch der Zukunft arbeitet wieder mit Tinte

Das E-Buch ist jedoch möglicherweise nur ein Zwischenschritt. Inzwischen können auch schon Produktionen in "E-Tinte" bewundert werden. Auf papier-ähnlichem Material werden Molekuele angeregt und können je nach Spannung schwarz oder weiss erscheinen. Daraus lassen sich sogar ziemlich traditionelle Buecher binden, die sich der Leser jedoch beliebig neu "aufladen" kann. Doch selbst Technologiefuehrer E-Ink gibt - trotz Investitionen von IBM, Lucent, Motorola und des Print-Imperiums Hearst in das Unternehmen - zu: Ein Massenprodukt auf Basis elektronischer Tinte liegt noch ein paar Jahre in der Zukunft.

In der Zwischenzeit viel Vergnügen bei der Online- Lektüre!

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%