Anhebung der Euro-Leitzinsen rückt in unbestimmte Ferne
Starker Euro vertreibt Inflationsgefahren

Führende Volkswirte halten eine Zinserhöhung derzeit nicht für nötig. Denn der starke Euro macht den Job des EZB-Rates: Er dämpft die Inflationsrate - und das viel schneller, als es die Währungshüter je könnten.

HB FRANKFURT/M. Für eine Anhebung der Euro-Leitzinsen von 3,25 % besteht nach Ansicht führender Volkswirte vorerst kein Anlass. "Welche Sorgen sich die Europäische Zentralbank (EZB) auch immer über die Preisstabilität gemacht hat - die Stärke des Euros hat diese Sorgen vertrieben", erklärt David Walton, Chefvolkswirt Europa bei Goldman Sachs, London, dem Handelsblatt. "Wenn der Euro stark bleibt oder weiter steigt, gibt es in diesem Jahr vielleicht gar keine Zinserhöhung."

Seit Anfang Mai hat die EZB die Märkte mit zunehmender Intensität auf die Möglichkeit einer Zinserhöhung vorbereitet. Noch Anfang Juni erklärte EZB-Chef Wim Duisenberg, die Inflationrisiken seien gestiegen. Um sie auf mittlere Sicht einschätzen zu können, bedürfe es aber zusätzlicher Informationen. Als die Experten des Eurosystems Mitte Juni für 2002 einen Anstieg der Verbraucherpreise um 2,3 % und für 2003 um 1,9 % prognostizierten, schlossen Volkswirte eine Zinserhöhung bereits bei der Sitzung des EZB-Rates am kommenden Donnerstag nicht mehr aus. Die EZB drohte ihr Stabilitätsziel mit einer Inflationsrate von "unter 2 %" in diesem Jahr erneut zu verfehlen und mit einer gefährlich geringen Sicherheitsmarge in das kommende Jahr zu gehen.

Mit jedem Cent, den der Euro an Wert gewonnen hat, haben sich die Zinserhöhungserwartungen weiter verflüchtigt. Am Geldmarkt kostet der Terminkontrakt auf den 3-Monats-Euribor noch 3,52 %. Vor vier Wochen hatte der Preis bei 3,81 % gelegen. "Seit Anfang Mai hat der Euro gegenüber dem Dollar 7,5 % und gegenüber den Währungen der Handelspartner des Euro-Raums über 4 % aufgewertet", erläutert Walton. "Das ist genug, um die Inflationsrate in den nächsten zwölf Monaten um 0,4 % zu reduzieren." Die EZB könne ihre Inflationsprognose für 2003 von 1,9 % auf komfortable 1,5 % nach unten korrigieren.

Zinsschritt im September?

Berechnungen der Deutschen Bank zufolge entspricht die bisherige Erhöhung des Euro-Außenwertes bereits einer Zinsanhebung um 75 Basispunkte. "Hinzu kommt die anhaltende Verunsicherung der Finanzmärkte", meint Ulrich Beckmann, Leiter des Research Büros Frankfurt der Deutschen Bank. "Man weiß nicht, was noch kommt." Er erwartet einen Zinsschritt ab September. Beruhigen dürfte die EZB auch die kurzfristige Preisentwicklung. Nach vorläufigen Angaben von Eurostat ist die Teuerungsrate im Juni unerwartet stark auf 1,7 % gefallen. Im Durchschnitt des laufenden Jahres sieht Beckmann die Inflationsrate bei 2,1 %: "Das ist so nah an der Zielmarke, dass man kaum von einer Verfehlung sprechen kann." Auch die Inflationserwartungen hätten sich merklich verringert. Die index-gebundene französische Staatsanleihe spiegele nur noch eine erwartete Inflationsrate von 1,9 % wider, nach 2,15 % Mitte Mai.

Beckmann glaubt, dass das von der EZB prognostizierte Wachstumsziel - ein Anziehen der Wachstumsrate auf 2,0 % bis 2,5 % bis Jahresende - nach wie vor erreichbar ist. Mit dem steigenden Euro-Kurs "sieht eine der Konjunkturstützen - der Export - allerdings nicht mehr so kräftig aus". Walton zufolge wird der gestiegene Euro-Kurs das Wachstum im Euro-Raum ebenso stark dämpfen wie die Inflation.

"Wenn die Euro-Aufwertung sich weiter auswirkt, ist die Prognose realistisch, dass sich die Inflationsrate in den kommenden Monaten in den Stabilitätskorridor zurück bewegt und dort für den Rest des Jahres verbleibt", meint Michael Heise, Chefvolkswirt der DZ Bank. Er ist der Ansicht, "die Beibehaltung des Status quo ist für den Rest des Jahres die beste Zinspolitik". Der Aufwärtstrend des Euros werde noch unterstützt, wenn die Zinsen im Euro-Raum früher anzögen als in den USA. Dass die Entwicklung der Wechselkurse die Notenbanken nicht kalt lässt, zeigen die Interventionen zu Gunsten des Yen am Freitag. Ein Markttrend ist dadurch aber kaum zu brechen.

Heise sieht hinter dem schwachen Dollar "die Sorge, dass die US-Konjunktur wieder ins Stocken geraten könnte - eine Befürchtung, die ich nicht teile". Trotz der jüngsten Abschwächung einzelner Konjunkturindikatoren und der Diskussion über "Bilanzwahrheit" werde die US-Wirtschaft auch 2002 und 2003 die Weltwirtschaft anführen.

Nach Ansicht von Martin Hüfner, Chefvolkswirt der Hypo-Vereinsbank, hat sich der Wechselkursmechanismus schon jetzt bemerkbar gemacht - "modellgerecht und viel schneller als erwartet". Es sei der stärkere Euro, der über die Benzinpreise den Preisauftrieb bereits deutlich gedämpft habe. Für Hüfner hat sich die EZB in den letzten Wochen stark auf ein inlandsorientiertes Modell konzentriert: anziehende Konjunktur = steigende Geldmenge = steigende Preise = Zinserhöhung. Dabei habe sie den Wechselkurs außer Acht gelassen. "Jetzt macht der Wechselkurs den Job der EZB, nur viel schneller, als sie es selbst je tun könnte", sagt Hüfner. Eine Zinserhöhung erwartet er weder im Juli noch im September. "Wann genau, hängt von der weiteren Wechselkursentwicklung ab." In dem dynamischen Geldmengenwachstum sieht keiner der Befragten eine akute Bedrohung der Preisstabilität.

Marietta Kurm-Engels
Marietta Kurm-Engels
Handelsblatt / Redakteurin
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