Ankaras Wirtschaftsminister Dervis erklärt Krise für fast überwunden
IWF gibt weitere Gelder für die Türkei frei

Die Türkei kann von diesem Montag an über eine weitere Tranche der vom Internationalen Währungsfonds (IWF) zugesagten Hilfskredite verfügen. Wirtschaftsminister Kemal Dervis meint, sein Land habe die akute Finanzkrise bereits "mehr oder weniger" bewältigt. Doch Zweifel bleiben.

ghö/HB ATHEN. Das IWF-Exekutivdirektorium hat am Freitagabend in Washington nach mehrstündiger Beratung die Freigabe von 1,51 Mrd. $ für die Türkei beschlossen. Die Rate ist Teil des insgesamt 15,7 Mrd. $ umfassenden Hilfspakets, das IWF und Weltbank im Mai schnürten, um der Türkei aus der Mitte Februar ausgebrochenen schweren Finanzkrise zu helfen. Die vorangegangene Tranche hatte der Fonds Anfang Juli zwei Wochen lang zurückgehalten, weil Ankara mit der Umsetzung versprochener Wirtschaftsreformen in Rückstand geraten war.

IWF-Vizedirektor Stanley Fischer, der sich vergangene Woche in der Türkei ein Bild von den Sanierungsbemühungen der Regierung gemacht hatte, äußerte sich jetzt zuversichtlich. Ankara habe bei den ökonomischen Reformen, die Grundlage für eine dauerhafte Reduzierung der Inflation und nachhaltiges Wirtschaftswachstum seien, "beträchtliche Erfolge" erzielt. "Es gibt ermutigende Anzeichen dafür, dass die Talsohle erreicht ist und sich die angestrebte Senkung der Inflation einstellt, was einen Rückgang der Zinsen erlauben würde", erklärte Fischer.

Monats-Inflationsdaten im Rahmen der Erwartungen

Die am Freitag in Ankara bekannt gegebenen Monats-Inflationsdaten blieben im Rahmen der Erwartungen. Danach betrug der Anstieg der Großhandelspreise im Juli 3,3 %, nach 2,9 % im Vormonat. Die Verbraucherpreise kletterten um 2,4 %, gegenüber 3,1 % im Juni. Damit lag die Jahresinflation der Großhandelspreise im Juli bei 65,4 %, der Anstieg der Verbraucherpreise bei 56,3 %. Die Regierung hat sich das Ziel gesetzt, den Anstieg der Großhandelspreise bis zum Jahresende auf 57,6 % und die Verbraucherpreisinflation auf 52,5 % zu begrenzen. Die meisten Analysten gehen jedoch von höheren Zahlen aus.

Offen bleibt, ob die türkische Zentralbank auf die Inflationsdaten mit einer Zinssenkung reagieren wird, die von der Mehrzahl der Marktteilnehmer erwartet wird. Mitte Juli hatte die Notenbank den Zinssatz für Tagesgeld von 63 auf 67 % erhöht, um die unter starken Druck geratene Lira zu stützen. Die Rendite der meistgehandelten Staatsanleihe, eines am 6. März 2002 fälligen Papiers, betrug am Freitag 89 %. Noch vor zehn Tagen lag sie über 100 %. Aydin Karaöz, Staatssekretär im türkischen Schatzamt, räumte zwar ein, dass die Zinsen weit über den Prognosen der Regierung liegen. Dennoch gebe es keine Probleme beim Schuldendienst.

Extrem hohes Zinsniveau

Das extrem hohe Zinsniveau bleibt jedoch ein großes Problem für die Regierung. Bis zum Jahresende werden Inlands-Staatsanleihen in einem Gesamtvolumen von 35 000 Bill. Lira (29,7 Mrd. Euro) fällig. Das ist fast ein Drittel der gesamten Inlandsschulden.

Trotz der hohen Zinsen, die ein Indiz für das mangelnde Vertrauen der Finanzmärkte in die Währung und den Reformwillen der türkischen Politiker sind, äußerte sich Wirtschaftsminister Kemal Dervis zuversichtlich. "Wir werden die Krise meistern, wir haben sie mehr oder weniger bereits bewältigt", sagte Dervis am Wochenende in Ankara. Während die Regierung für dieses Jahr wegen der akuten Krise mit einem Rückgang des Bruttoinlandsprodukts um 5,5 % rechnet, setzt Dervis für die kommenden Jahre ein durchschnittliches Wirtschaftswachstum von 7 % an.

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