Anklage und Verteidigung verzeichnen Teilerfolge
Staatsanwalt erhöht Druck im Andersen-Prozess

Vor der Urteilsverkündung gegen den angeschlagenen US-Wirtschaftsprüfer Arthur Andersen haben jetzt die Schlussplädoyers begonnen. Staatsanwalt Sam Buell fährt schweres Geschütz auf.

HOUSTON. Die Anwälte der Anklage, der Verteidigung und die Richterin wandten sich im Prozess gegen den das US-Wirtschaftsprüfungsunternehmen Arthur Andersen nach der mehr als drei Wochen dauernden Beweisaufnahme noch einmal mit letzten Instruktionen direkt an die Jury, bevor sich diese zur Beratung zurückzieht. Andersen ist angeklagt, im vergangenen Herbst reihenweise Dokumente über seinen inzwischen Pleite gegangenen Großkunden Enron vernichtet zu haben, um einer Untersuchung durch die US-Börsenaufsicht Securities and Exchange Commission (SEC) zuvorzukommen.

In seinem Schlussplädoyer erklärte Staatsanwalt Sam Buell, die Verantwortlichen bei Andersen hätten sich im vergangenen Herbst "bereit gemacht für die Enron-Schlachten", die folgen sollten, und bereits Ende September mit SEC-Ermittlungen gerechnet. Die Zahl der vernichteten Akten sei sprunghaft angestiegen. Dennoch habe sich die Firma vor ihrer Pflicht gedrückt, die Anleger rechtzeitig vor Unregelmäßigkeiten in der Enron-Buchführung zu warnen. Buell sagte, Andersen habe im großen Stil Akten vernichtet, weil sie der Firma schädlich werden konnten: "Sie wussten, dass ein Kampf auf sie zukommen würde und sie jeden kleinen Vorsprung brauchten."

Verteidiger Rusty Hardin konterte dagegen: "Der gesamte Prozess basiert auf Behauptungen der Anklage darüber, was andere Leute zu der Zeit gedacht haben, aber ohne dass sie dafür Beweise liefern kann." Die Wahrheit, die im Laufe des Prozesses ans Licht gekommen sei, habe keine Straftat ergeben. Andersen hatte argumentiert, die Angestellten hätten bei der Vernichtung der Unterlagen lediglich firmeninterne Richtlinien befolgt und keine strafbaren Absichten gehabt.

Zuvor hatte Richterin Melinda Harmon den Geschworenen eine 15-seitige Auflistung vorgetragen, welche Aussagen und Beweise sie in ihre Urteilsfindung einbeziehen dürfen. Sowohl Anklage als auch Verteidigung konnten dabei Teilerfolge erzielen: Harmon folgte mit ihren Richtlinien einerseits den Forderungen der Staatsanwaltschaft und erklärte der Jury, dass diese Andersen schuldig sprechen könne, wenn sie von der Schuld auch nur eines einzigen Angestellten überzeugt ist. Dabei sei es unerheblich, ob die Mitarbeiter zu der Zeit wussten, dass sie sich mit den Aktenvernichtungen strafbar machten. Der Kronzeuge und Ex-Andersen-Partner David Duncan hatte in der zweiten Prozesswoche zugegeben, er habe sich durch Behinderung der Justiz strafbar gemacht. Allerdings sei ihm erst fünf Monate nach den Aktenvernichtungen klar geworden, dass seine Handlungen illegal waren. Außerdem erlaubte die Richterin den Juroren, Zeugenaussagen über frühere Verfehlungen Andersens mit der SEC in ihre Überlegungen einzubeziehen - ein weiterer Rückschlag für Rusty Hardins Verteidigungsteam.

Dagegen konnte Hardin durchsetzen, dass die Juroren nicht erfahren, warum Andersens Hausanwältin Nancy Temple und zwei weitere Angestellte nicht im Zeugenstand erschienen: Alle drei hatten unter Abwesenheit der Jury die Aussage verweigert, um sich nicht selbst belasten zu müssen. Richterin Harmon erklärte den Geschworenen dazu lediglich, die Zeugen seien "aus hier nicht maßgeblichen Gründen nicht verfügbar" gewesen.

Die Kernfrage in der Urteilsfindung wird sein, ob den Angeklagten zweifelsfrei nachzuweisen ist, dass sie absichtlich die Unterlagen dem SEC-Zugriff entziehen wollten. Damit bewegen sich die Ankläger auf einem schmalen Grat. Denn dass in den Houstoner Andersen-Büros im vergangenen Herbst im großen Umfang Dokumente geschreddert wurden, steht außer Zweifel. Doch über die Motive der Aktenvernichter lässt sich oft nur spekulieren und schwerer eindeutig urteilen. Auch die Zeugenaussagen der vergangenen viereinhalb Wochen konnten nach Meinung von Prozessbeobachtern kein endgültiges Licht ins Dunkel bringen.

Für beide Seiten steht viel auf dem Spiel. Andersens wirtschaftliches Überleben ist bereits jetzt mehr als fragwürdig, nachdem mehr als 650 Kunden dem ehemals renommierten Wirtschaftsprüfer den Rücken zugekehrt haben. Ein Schuldspruch wäre daher aller Wahrscheinlichkeit nach das endgültige Aus des Unternehmens.

Von ANETTE KIEFER, Handelsblatt

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