Anlagestrategien, die auf Übernahmen, sind nicht unproblematisch
Übernahmekandidaten: Das große Fressen

In den Vorstandsetagen deutscher Großkonzerne liegen die Nerven blank. Die Börsennotierungen sind niedrig, die Zeiten für Aufkäufer gut.

In den Vorstandsetagen deutscher Großkonzerne liegen die Nerven blank. Die Börsennotierungen sind niedrig, die Zeiten für Aufkäufer gut. Erst in dieser Woche ging deshalb Josef Ackermann, designierter Nachfolger von Deutsche Bank-Chef Rolf E. Breuer, in die Offensive. Mit einem Paket aus Kostensenkungen, Anteilsverkäufen und Strategieänderungen in Kerngeschäftsfeldern will er möglichen Raidern Paroli bieten.

Dabei laufen nach Ansicht von Experten vor allem Werte aus der zweiten Reihe Gefahr, zu Übernahmezielen zu werden. "Die Deals zwischen INA und FAG Kugelfischer und Kamps/Barilla zeigen, dass es insbesondere bei Unternehmen aus dem MDax zu Transaktionen kommt", stellt Peter-Thilo Hasler, Aktienstratege bei der Hypovereinsbank, fest. "Dort findet sich Substanz, die attraktiv bewertet ist." So liegt bei vielen Indexwerten zum Beispiel der Buchwert des Eigenkapitals mittlerweile unter der Börsenbewertung. Für Michael Trauth, Fondsmanager bei der Baden-Württembergische Kapitalanlagegesellschaft (BWK), ist deshalb klar: "Nachdem in den vergangenen Jahren Technik und Medien im Mittelpunkt standen, wird es jetzt eher in bodenständige Branchen wie Bau, Konsum, Getränke und Nahrungsmittel zu Übernahmen kommen."

Mögliche Bühnen für Übernahmekämpfe

Ein mögliches Beispiel: Beiersdorf. Hinter den Kulissen des als Dax-Kandidaten gehandelten Wertes wird derzeit um den 43-prozentigen Anteil der Allianz gefeilscht. Als potenzieller Käufer gilt die Tchibo-Holding. Für die wird der Deal allerdings nicht ganz billig, denn wenn der Kaffeeröster zum Zuge kommt, muss er auch den restlichen Aktionären ein Übernahmeangebot machen.

Prädestiniert ist auch der Bau- und Bauzuliefererbereich. Beide Branchen leiden unter der schwachen Baukonjunktur. Überkapazitäten sind die Regel, und viele Unternehmen haben zu spät und zu teuer diversifiziert. Da liegt eine Marktkonsolidierungen geradezu in der Luft. "Es gibt eine Reihe ausländischer Unternehmen, die ein Auge auf deutsche Wettbewerber geworfen haben", lassen Analysten wissen. Strategisch macht das Sinn, denn so bekommen europäische Branchengrößen wie etwa die spanische Dragados Zugang zum deutschen Markt. Zudem stehen Übernahmen auf rein nationaler Ebene vielfach Kartellprobleme entgegen. Außerdem sind viele börsennotierte Bauwerte wie Bilfinger & Berger oder Hochtief netto schuldenfrei und die Großaktionäre, wie etwa RWE bei Hochtief, haben ihr Aktienpaket bereits als verkäuflich erklärt.

Als mögliche Bühne für einen Übernahmekampf gilt Experten zufolge auch die Finanzbranche. "Deutschland gilt im europäischen Vergleich als over-banked", sagt Konrad Becker, Analyst bei Merck, Finck & Co. "Viele Institute haben deshalb Probleme, was die Kosten angeht." Für Experten gilt es daher als ausgemachte Sache, dass eine bestimmte Größe notwendig ist, um auf Dauer am Markt zu überleben. Erstes Übernahmeziel in Deutschland: für Analyst Becker die Commerzbank. Dann folgt die aufgeteilte Depfa. "Dort macht die Teilung in eine Bank für Staats- und eine für Hypothekenfinanzierungen einen Merger lukrativer."

Übernahmespekulanten schielen auf Automobilbereich

Ein anderer Tummelplatz für Übernahmespekulanten ist der Automobilbereich. "Mit nur noch elf unabhängigen Herstellern ist die Autobranche ja schon stark konsolidiert", sagt Jürgen Pieper von Merck, Finck & Co. "Allerdings hat Fiat sicherlich die schlechteste Position. Ich glaube nicht, dass das Unternehmen auf Dauer im Wettbewerb mithalten kann." Passend dazu gab es in dieser Woche an der Mailänder Börse Gerüchte, dass General Motors die niedrige Marktkapitalisierung von Fiat dazu nutzen könnte, seinen 20-prozentigen Anteil aufzustocken. Noch eher für eine Übernahme kommt allerdings der Zulieferer-Bereich in Frage. "Dort wird es zu einer Marktbereinigung kommen, die vor allem untereinander stattfinden wird", ist sich Becker sicher.

Außen vor bleibt freilich auch der Technologiebereich nicht. "Vor allem am Neuen Markt werden wir noch Übernahmen sehen", glaubt Markus Steinbeis, Fondsmanager bei Activest. "Dort sind viele Unternehmen auf Dauer zu klein, um in ihrer Nische zu überleben." Und nach Einschätzung von Thomas Ehren, Leiter Corporate Finance bei KPMG, wird es auch in Branchen wie Medien und Logistik durch den steigenden Konsolidierungsdruck zu weiteren M & A-Aktivitäten kommen.

Wie sich Übernahmekandidaten identifizieren lassen

Nach Ansicht von Peter-Thilo Hasler, Aktienstratege bei der Hypovereinbank, gibt es eine Reihe von Kriterien, mit denen sich Übernahmekandidaten vorzeitig identifizieren lassen. Neben einer geringen Marktkapitalisierung ist das zum Beispiel ein hoher Kassenbestand des Unternehmens. "Aufgrund der angespannten Situation an den Finanzmärkten haben die Aufkäufer nicht mehr in dem Maße wie früher die Möglichkeit, Übernahmen durch Kapitalerhöhungen oder die Ausgabe von Bonds zu finanzieren." Ein Übernahmeziel mit Cash ist deshalb attraktiv." Auch ein hoher Verlustvortrag kann für einen strategischen Investor eine Rolle spielen.

Hasler weist allerdings darauf hin, dass Anlagestrategien, die auf potenzielle Übernahmeopfer setzen, nicht unproblematisch sind. "Wer sich nur Werte mit Übernahmephantasie ins Depot legt, der wird am Ende wahrscheinlich draufzahlen." Schließlich ist die Gefahr groß, dass der Wert unter operativen Gesichtspunkten - etwa der Gewinnentwicklung - eigentlich ein Verkauf ist. Kommt die Übernahme nicht, besteht die Gefahr, dass sich das Papier zu einem chronischen Verlustbringer entwickelt. "Deshalb nur auf Werte setzen, die auch nach üblichen Kriterien, beispielsweise Gewinnwachstum oder Kurs-Cash-flow-Verhältnis gut sind", rät Hasler. "Kommt dann noch Übernahmephantasie hinzu, ist das ein zusätzlicher Pluspunkt."

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