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Anlegen in Krisenzeiten

Die Militärs bestimmen jetzt die Kurse. Auch die Börsianer hoffen, dass die ganz große Eskalation ausbleibt.

"Geboren 1957 in Saudi-Arabien, Haarfarbe: braun, Augenfarbe: braun, besondere Kennzeichen: benutzt einen Stock als Gehhilfe. Vermutlich bewaffnet und extrem gefährlich." So lautet der Steckbrief des FBI für Osama Bin Laden, den Hauptverdächtigen für die apokalyptischen Anschläge in den USA. Zwar wissen die Sicherheitsbehörden, dass sie es mit einem globalen Netzwerk von Terroristen zu tun haben, jedoch ist die Personifizierung psychologisch hilfreich, weil sie einen (er)greifbaren Feind präsentiert.

Auch die Finanzmärkte hoffen, dass sich die sichtbare Auseinandersetzung auf einen Schlagabtausch zwischen den USA und Bin Laden mit seinen Taliban-Milizen beschränkt. "In der vergangenen Woche war noch unklar, wer die Schuldigen sind. Jetzt heißt es Amerika gegen die Taliban, das nimmt viel Unsicherheit aus den Märkten", sagt ein Fondsmanager.

In einem "Wunsch-Szenario" würden die USA beispielsweise durch Spezialeinheiten und wenige Distanzwaffen die Terroristen in Afghanistan bekämpfen und gleichzeitig den Fahndungsdruck weltweit auf hohem Niveau halten, so dass die Gefahr spektakulärer Anschläge abnehmen dürfte.

Zwar blieben auch in einem solchen Drehbuch die Börsen sehr schwankungsanfällig, die Angst vor einer weltweiten Eskalation würde aber schrittweise weichen. Die Analysten von Goldman Sachs erwarten vor diesem Hintergrund ein Schrumpfen des realen US-Bruttoinlandsprodukts im dritten und vierten Quartal, gleichzeitig aber eine schnelle Rückkehr auf den Wachstumspfad im kommenden Jahr - also die V-Formation für den Konjunkturverlauf.

Hauptgründe für ihre Annahme sind massive staatliche Hilfen - wie etwa das vom Kongress gebilligte Notfallpaket über 40 Milliarden Dollar - und steuerliche Entlastungen sowie weiter fallende Leitzinsen.

Größter Unsicherheitsfaktor ist die Stimmung der Verbraucher. Ziehen sie nicht mit und werden von immer neuen CNN-Sondersendungen im Sessel gehalten, gerät das Szenario in Gefahr. Aber das Land ist von einer patriotischen Gefühlswallung erfasst, ein Aufruf zum Konsumieren sollte auf fruchtbaren Boden fallen.

Was heißt das alles für den deutschen Anleger? Verkürzt gesagt, läuft die Parkuhr für Festgeldanlagen und Geldmarktfonds zumindest bei einem optimistischen Szenario ab. Denn die Aktienmärkte wurden durch die Detonationen im World Trade Center auf ein Niveau gedrückt, das nach Meinung vieler Analysten trotz der Trauerstimmung zum Kaufen reizt - an der Wall Street kommen erst die Kurse und dann die Emotionen.

Die Strategen von J.P. Morgan sehen das Abwärtspotenzial beim S&P-500-Index auf dem jetzigen Stand von rund 1 000 Punkten höchstens noch bei zehn Prozent, Goldman Sachs erwartet ein Anziehen des Index in den nächsten zwölf Monaten auf 1 250 bis 1 400 Punkte. Mit diesen Aussichten sollte man sich langsam überlegen, wieder einzusteigen, zumal bei den festverzinslichen Papieren die Renditen im Keller sind. "Es ist zwar ein menschlicher Reflex, den Schutz sicherer Häfen zu suchen, also etwa Gold oder kurz laufende Anleihen. Für eine Rendite von aktuell 2,9 Prozent bei zweijährigen Papieren sollte man sich aber nicht hergeben", meint Gottfried Heller, Geschäftsführer bei der Anlagegesellschaft Fiduka.

Indessen hält Klaus Holschuh, Leiter des Rentenresearch bei der DZ Bank, Liquiditätshaltung jetzt für sinnvoll; die Cash- und Geldmarktposition sollte jedoch 20 Prozent eines Depots nicht überschreiten. Er plädiert trotz der niedrigen Renditen für Anleihen und rät zu Laufzeiten von drei bis vier Jahren, lange Laufzeiten solle man dagegen meiden.

Investoren, die zu lange parken, verpassen leicht den Aufschwung der Börsen. Im Durchschnitt legten die Aktien nach der Talsohle eines Bärenmarktes rasch zu, und zwar im ersten Monat um 9,8 Prozent und über zwölf Monate um 26,2 Prozent, weiß die Fondsgesellschaft Fidelity.

Schon bei einem Anlagehorizont von drei Jahren sei die Zeit gekommen, ein qualitativ hochwertiges Depot zusammenzustellen, "das auch lange Stürme aushält", meint Heller. "Filetstücke" wie Siemens, IBM oder Microsoft gebe es zu Ausverkaufspreisen.

Aber die Kurse sind jetzt noch stark verzerrt durch Hedge-Fonds und Rückkaufprogramme der Unternehmen. "Normalerweise nähern sich die Märkte nach solchen Schocks innerhalb von drei Monaten wieder der Realität an", sagt Michael Bentlage, Geschäftsführer der Fondsgesellschaft Activest. Um Einzelwertrisiken zu meiden, solle man jetzt "Sorglos-Fonds" kaufen, die sich auf Standardwerte aus den USA und Europa konzentrieren. Wer auf bestimmte Aktien setzen will, muss aufpassen, denn die Branchen sind mitten in der Neubewertung. Der Luftverkehr und auch die Freizeitindustrie könnten weiter verlieren, dagegen sollten Versicherer von höheren Prämien wieder profitieren, ebenso werden die Hersteller sicherheitsrelevanter Technik gefragt sein.

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