Anleger benötigen verlässliche Informationen vor Börsengängen
Gastkommentar: Die Finanzdaten in Prospekten müssen zuverlässiger werden

Erstmalig seit Sommer 2001 hat ein Unternehmen wieder den Gang an die Börse gewagt. Seit Ende März wird die Aktie der Repower Systems AG am Neuen Markt notiert. Nach langer Durststrecke, zahlreichen negativen Schlagzeilen und mehreren Absagen geplanter Börsengänge ist dies ein lange erwartetes positives Signal.

Eine Schwalbe macht jedoch bekanntlich noch keinen Sommer. Obwohl weitere Börsengänge (IPOs) in Vorbereitung sind, kann von einer spürbaren Trendwende noch keine Rede sein; es ist vielmehr weiterhin eine gewisse Zurückhaltung und Vorsicht festzustellen. Nach dem bis Frühjahr 2000 anhaltenden Boom und dem anschließenden Zusammenbruch der Märkte ist dies nur allzu verständlich. Gewiss spielt dabei das weiterhin uneinheitliche Börsenumfeld eine Rolle. Auch die negativen Erfahrungen mit Börsengängen von Unternehmen, die - wie man heute weiß - aus den verschiedensten Gründen (noch) nicht reif für einen Börsengang waren, dürften eine durchaus bremsende Wirkung entfalten. Dies muss als solches noch nicht negativ sein. Es muss auch und gerade am Kapitalmarkt wieder der Grundsatz gelten "Qualität vor Quantität".

Dass eine bestimmte Qualität gewahrt wird, ist insbesondere durch entsprechende Maßnahmen im Vorfeld eines Börsengangs sicherzustellen. Dabei geht es nicht darum, jedes ökonomische Risiko zu unterbinden, denn dann würden auch die Chancen verhindert. Es kommt vielmehr darauf an, dem Anleger zuverlässig Informationen über das Unternehmen zu geben, damit er Chancen und Risiken in eigener Verantwortung abwägen und sich entscheiden kann.

Hohe Bedeutung hierfür haben schon immer die Vorschriften über die Erstellung des Börsenzulassungs- beziehungsweise Emissionsprospekts gehabt, der alle für den Anleger wesentlichen Informationen über das Unternehmen beinhalten muss. Nach dem Börsengesetz haften für fehlerhafte oder unvollständige Angaben im Prospekt die Prospektverantwortlichen (insbesondere das Unternehmen selbst, aber auch die Banken, die den Börsengang begleiten).

Unabdingbare Voraussetzung eines fairen und transparenten Kapitalmarktes ist aber in jedem Fall, dass der Prospekt eine zutreffende Beschreibung des Unternehmens gibt. Insbesondere die Finanzangaben über das Unternehmen müssen verlässlich sein. Auch wenn für eine Entscheidung über den Erwerb von Aktien häufig die Einschätzung der zukünftigen Entwicklung des jeweiligen Unternehmens im Vordergrund steht, muss der Anleger seine Anlageentscheidung auf historische Jahresabschlüsse und eine Beschreibung der aktuellen Finanz- und Ertragssituation des Unternehmens stützen. Dementsprechend sind in den Prospekten in der Regel die Jahresabschlüsse der letzten drei Geschäftsjahre sowie die entsprechenden Bestätigungsvermerke der Prüfer abgedruckt.

Problematisch für die prinzipiell vorhandene präventive Wirkung etwaiger Haftungsrisiken ist jedoch, dass Abschlussprüfer nicht Prospektverantwortliche im Sinne der Prospekthaftung sind, also gegenüber Anlegern, die im Rahmen eines Börsengangs Aktien erwerben, nicht haften. Vielmehr haften sie im Rahmen der gesetzlichen Abschlussprüfung grundsätzlich nur für deren ordnungsgemäße Durchführung.

Die Emissionsbanken als gegenüber den Anlegern haftbare Prospektverantwortliche können ihrerseits aber die Richtigkeit der Finanzangaben nicht in allen Einzelheiten überprüfen. Dies kann nicht von den Banken erwartet werden, da es sich hierbei um den ureigensten Kernbereich der Wirtschaftsprüfertätigkeit handelt und diese sehr spezielle Materie in einer langen, selektiven Ausbildung zu der Fachkompetenz des hoch spezialisierten Berufsstands der Wirtschaftsprüfer führt.

In den USA wird dieser Konflikt dadurch gelöst, dass anlässlich eines Börsengangs die historischen Jahresabschlüsse des Emittenten nochmals einer gesonderten Prüfung durch den Wirtschaftsprüfer unterworfen werden, für die der Wirtschaftsprüfer dann gegenüber den Anlegern als Experte unmittelbar verantwortlich ist. Darüber hinaus werden von dem Wirtschaftsprüfer für den Zeitraum zwischen dem Stichtag des letzten geprüften oder einer prüferischen Durchsicht unterzogenen Abschlusses und dem Börsengang weitere Untersuchungen vorgenommen. Auf dieser Grundlage stellt der Wirtschaftsprüfer den Emissionsbanken einen so genannten "Comfort-Letter" aus, in dem er die Erkenntnisse aus dieser Tätigkeit den Banken bestätigt.

Auch in Deutschland wird mittlerweile in aller Regel die Abgabe eines Comfort-Letters durch die Wirtschaftsprüfer verlangt. Im Rahmen des Comfort-Letters sollen die Wirtschaftsprüfer den emissionsbegleitenden Banken die Richtigkeit des Abdrucks der geprüften oder einer prüferischen Durchsicht unterzogenen Abschlüsse und der daraus abgeleiteten Zahlen im Prospekt bestätigen. In Bezug auf im Prospekt abgedruckte Zwischenabschlüsse hat das Institut der Wirtschaftsprüfer (IDW) für die prüferische Durchsicht bereits einen sich an internationalen Vorgaben orientierenden Prüfungsstandard (PS 900) geschaffen.

Dem Comfort-Letter kommt damit gerade auch in Deutschland besondere Bedeutung zu bei der Aufgabe, die Verlässlichkeit der in einem Emissionsprospekt enthaltenen Finanzangaben durch an internationalen Maßstäben orientierte einheitliche Verfahren zu erhöhen. Inhalt und Umfang solcher Comfort-Letter sind allerdings in Deutschland zum Teil recht unterschiedlich gestaltet. Ein einheitlicher Standard hat sich bislang - anders als in den USA - noch nicht entwickelt. Allerdings orientiert sich die Marktpraxis bislang an dem US-Standard SAS 72, nicht zuletzt, weil auch immer häufiger im Rahmen einer Emission eine US-Platzierung stattfindet. Dieser Standard passt jedoch nicht in allen Punkten auf die deutsche Rechtssituation. Dabei geht es auch darum, in welchem Umfang die in dem Prospekt abgedruckten Finanzdaten im Hinblick auf die Emission einer nochmaligen Untersuchung unterzogen werden. Die Diskussion ist mittlerweile so weit fortgeschritten, dass das IDW auf der Basis des Entwurfs eines Muster-Comfort-Letters und für zusätzliche Untersuchungshandlungen einen Prüfungsstandard entwickeln wird, der dann als Berufsstandard für alle Wirtschaftsprüfer verbindlich ist. Hiermit ist in den nächsten Monaten zu rechnen.

Auf Grund der zusätzlichen Untersuchungshandlungen werden sich zwar die Kosten für einen Börsengang möglicherweise leicht erhöhen. Mit der Schaffung eines einheitlichen Standards auf Grund von Zeitersparnissen und schnelleren Verhandlungen über den Comfort-Letter dürfte jedoch ebenso eine Kostenersparnis einhergehen. Aller Voraussicht nach müssten sich die Mehrkosten mit den Ersparnissen die Waage halten.

Schließlich liegt die Steigerung des Vertrauens der Anleger durch ein Mehr an Transparenz im Interesse aller Marktteilnehmer. Nicht nur der Neue Markt wird es honorieren, wenn ein solcher Standard bei einer Aktienemission zu mehr Verlässlichkeit der im Prospekt abgedruckten Finanzangaben führt. Entspricht der jetzt zu schaffende Prüfungsstandard internationalen Maßstäben, dann wird sich auch die Akzeptanz deutscher Emittenten bei internationalen Investoren erhöhen, und damit wird der deutsche Kapitalmarkt insgesamt gestärkt.

Rüdiger von Rosen ist geschäftsführendes Vorstandsmitglied des Deutschen Aktieninstituts in Frankfurt.

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