Anleger erwarten eine nüchterne, eigenständige Meinung.
Der Fall Daimler und die Analysten

Anleger erwarten eine nüchterne, eigenständige Meinung. Das ist oft das Gegenteil von dem, was sie bekommen.

DÜSSELDORF. Immer tiefere Abgründe tun sich auf im Fall Daimler-Chrysler. Das gilt für die Einschätzung des gesamten amerikanischen Automarktes, für die Verluste des Konzerns dort, für den Kurs - und für die Einschätzung der Analysten. In dieser Woche setzte Lehman Brothers das Kursziel für den Titel von 43 auf 39 Euro herab, UBS Warburg von 45 auf 40 Euro. Und Deutsche Bank Alex Brown hat die Gewinnerwartung für das kommende Jahr von 4,70 auf 3,70 Euro gesenkt. Die Signale sind eindeutig. Wenn Kursziele, die ohnehin schon unter dem aktuellen Niveau liegen, noch weiter nach unten verschoben werden, heißt das: auf jeden Fall verkaufen, "strong sell" müsste eigentlich dabei stehen, wenn es diese Kategorie gäbe.

Der Fall Daimler ist auch ein Analystenfall. Denn als die Aktienexperten die Fusion von Daimler und Chrysler vor zwei Jahren bejubelt haben, waren alle Risiken, die heute zum Tragen kommen, schon bekannt. Dass die amerikanische Autokonjunktur irgendwann auch wieder schwächer wird - ist grundsätzlich nicht überraschend. Dass sich die Entwicklung in Detroit von Stuttgart aus schlecht kontrollieren lässt - wen wundert das? Dass Chrysler hauseigene Probleme hat - war ein wichtiger Anlass für die Fusion. Dass Daimler-Chef Jürgen Schrempp auch zu milliardenschweren Fehlern in der Lage ist - war durch die Pleite mit der Konzerntochter Fokker, die er zu verantworten hatte, sattsam bekannt.

Warum waren dann damals alle von Schrempps Coup begeistert? Erstens passte er in den Trend: Zu dieser Zeit wurden Fusionen - heute eher mit Argwohn betrachtet - generell erst einmal beklatscht. Zweitens scheint Schrempp durchaus über persönliches Charisma zu verfügen, daher bekam er einen hohen Vertrauensvorschuss. Letztlich waren es also irrationale Faktoren. Man fragt sich, ob die Herabstufungen jetzt nicht genauso übertrieben sind wie damals der Jubel.

Der Fall Daimler zeigt idealtypisch eine Reaktionsweise der Analysten, die sich häufig findet: Sie reagieren prozyklisch. Wenn die Stimmung positiv ist, haben sie Angst, den Aufstieg zu verpassen. Wenn sie kippt, will keiner der Letzte sein, der den Daumen nach unten dreht. Das ist verständlich, denn die Börse bestraft jeden, der zu spät kommt, besonders empfindlich. Weil die Analysten immer mehr Einfluss bekommen, verstärken sie so aber praktisch die Kursschwankungen und machen das Geschehen noch irrationaler. Die Anleger erwarten von ihnen aber genau das Gegenteil: eine nüchterne, eigenständige Meinung.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%