Anleger in Asien stehen vor einer harten Wahl
Fondsprofis kaufen in Asien behutsam nach

Japan, Hongkong, Singapur, Taiwan, Thailand - sprunghaft wächst die Reihe der asiatischen Länder, die auf eine Rezession zudriften oder bereits darin stecken. Wegbrechende Exporte und sinkende Gewinne ziehen die Börsen immer tiefer abwärts. Anleger brauchen daher gute Nerven.

HONGKONG. Das exportabhängige Asien ist traditionell eine Art Optionsschein auf die Wall Street: Die Märkte schlagen auf Vorgaben aus den USA heftiger aus - nach oben und nach unten. Derzeit rangieren die wichtigsten Börsenbarometer tief im Keller: Zwar konnten die Leitbörsen gestern etwas Atem schöpfen. Doch bleibt die Stimmung schwer angeschlagen: Denn zuvor ist Tokios Nikkei-Index auf ein 17-Jahres-Tief gekracht. Hongkongs Hang Seng sackte am Montag klar unter die psychologisch kritische 11 000er Marke - so tief stand der Index zuletzt im April 1999. Anleger stehen in Asien also vor einer schweren Wahl: Denn fängt sich die Weltwirtschaft nicht bald, drohen weitere Verluste. Fasst die Konjunktur hingegen wieder Tritt, winken in Fernost überproportionale Gewinne. Entweder sie warten also auf deutliche Zeichen der Besserung wie steigende Auftragseingänge, bevor sie ihr Geld der Region anvertrauen. Dann riskieren sie, die steile erste Phase eines Aufschwungs zu verpassen. Oder sie beziehen jetzt Position - dann könnten sie weitere schmerzhafte Verluste treffen.

Die ersten Optimisten wagen sich bereits wieder aus der Deckung: "Asiens Märkte sind ausgebombt, es ist Zeit zum Schnäppchenjagen", meint Mark Mobius, der für Tempeltons Emerging Markets Fonds verantwortlich zeichnet. Er erwartet von Indonesien, Thailand und Hongkong - in diesem Jahr der verlustreichste Markt der Region - das größte Kurspotential. Schwergewichte in seinem Portfolio: die Hongkonger Mischkonzerne Hutchison Whampoa und Cheung Kong.

Pieter von Putten ist vorsichtiger "Fondsmanager stehen in den Startblöcken; bevor sie losrennen, warten sie auf ein Signal aus den USA", beschreibt der Chef des Commerzbank Asset-Managements in Singapur die Situation. Er rät Investoren mit längerfristigem Anlagehorizont dazu, langsam Positionen aufzubauen. Allerdings blieben die kommenden zwei, drei Monate hart. "Wenn sich im laufenden Quartal die Situation in den USA nicht verschlechtert, kann man von Bodenbildung sprechen", sagt von Putten. Für diesen Fall rechnet er gegen Jahresende mit einer Erholung der Märkte, angeführt von Südkorea, Taiwan, Singapur und Hongkong. Um auf Wachstumsaktien zu setzen, sei es aber zu früh. Von Putten bevorzugt klassische Standardaktien mit niedrigen KGVs.

Fondsmanager schauen auch auf Dividenden

"Wenn der Aufschwung kommt, wird er sehr, sehr dynamisch", erwartet Ray Jovanovich, der den Asian Renaissance Fonds der Crédit Agricole-Tochter Indocam verwaltet. Wann er kommt, hänge ganz von den USA ab. Trotz immenser Liquidität fehlt Jovanovich noch der Zündfunke für eine Hausse: "Das Vertrauen der Anleger ist einfach am Boden." Seine Positionen baut der Fondsmanager deshalb nur behutsam aus. Vorerst er auf Südkorea, alle anderen Märkte gewichtet er unter oder neutral. Bei Japan rät er abzuwarten, bis die Regierung vollmundigen Reformversprechungen Taten folgen lässt. Zum ersten Mal seit der Asienkrise hat der Indocam-Manager allerdings wieder thailändische Aktien gekauft. Mit einem Plus von 25% seit Januar sticht der Markt in der Region hervor. Tech-Werte sieht Jovanovich skeptisch. Bis er klare Zeichen für einen Umschwung in den USA sieht, hält er an den dividendenstarken, defensiven Bank- und Versorgerwerten fest, die seinen Fonds dieses Jahr vor großen Verlusten bewahrt haben.

Zu den Anhängern einer Dividendenstrategie gehört auch Markus Rösgen - obwohl er glaubt, die Region habe die letzte Phase eines Bärenmarkts erreicht. "Die Aktienkurse in Asien liegen zu tief", meint der Asienstratege bei ING Barings, sie hätten eine US-Rezession voll eingepreist. Rösgen glaubt nicht, dass es so schlimm kommt und folgert: "Es wird Zeit, über Zukäufe nachzudenken." Dabei sollten Anleger seiner Ansicht nach auch auf Dividenden schauen. Die liegen bei fast 50 % aller asiatischen Aktiengesellschaften über örtlichen Sparzinsen. Zum Kauf empfiehlt ING etwa Hongkongs Hang Seng Bank (5,6% Dividende), die koreanischen Shinhan Bank (5,9%), den Ölkonzern Petrochina (8,7%), den Versorger Huaneng Power (5%) oder die Fluglinie Cathay Pacific (6%).

Aber auch an warnenden Stimmen herrscht kein Mangel. Die andauernde weltweite Konjunkturabschwächung mache das exportabhängige Asien besonders verletzlich, meint Hang Ong, Regionalstratege bei Salomon Smith Barney. Er sieht das Risiko, dass Konzerne ihre Gewinne für 2002 nach unten revidieren und die Technologie-Malaise auf die "alte Ökonomie" übergreift. Als Triebfeder der kurzlebigen Zwischenrallys vergangener Monate identifiziert er die Angst, einen Aufschwung zu verpassen. Ong rät, sich vom Herdentrieb nicht irre machen zu lassen. "Die wichtigste Botschaft lautet: Wir haben Zeit", meint er.

Ong favorisiert Aktien mit starken Dividenden und hoher Gewinnstabilität. In seinem Modell-Portfolio hat er Tech-Titel gerade noch weiter zurückgestutzt und den Chipwert UMC und den Mobilfunker China Mobile reduziert. Gleiches gilt für die Konsum-Zykliker, die 2001 gut gelaufen sind. In diesen rauhen Zeiten mag Ong Titel wie Bank of East Asia und den in Singapur notierten Immobilienwert Hongkong Land. Auch Hongkongs durch Kartellgewinne abgesicherte Versorger mag er. "Langweilig - aber Hauptsache sicher", sagt er zu China Light & Power, Hongkong Electric und China Light & Gas. Außerdem empfiehlt Ong die indischen Konsumwerte Nestle India, Hindustan Lever, Smithkline Beecham und ITC. In Thailand rät er zu Siam Cement und Thai Union Frozen Products.

Quelle: Handelsblatt
Oliver Müller
Handelsblatt / Korrespondent
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