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Anleger sollten auf Zwischentöne achten

20.12.2000 HB DÜSSELDORF. Analystenurteile ähneln Arbeitszeugnissen: Interessante Informationen sind häufig zwischen den Zeilen versteckt. Negatives wird oft verklausuliert. Zwar enthalten die Ratingsysteme der Banken auch negative Urteile wie "Sell", das dezentere "Reduce" (Reduzieren) oder "Underweight" (Untergewichten). "Beim durchschnittlichen Wall-Street-Haus sind aber nur null bis fünf Prozent aller Urteile Verkaufsempfehlungen", sagt Ben Funnell von Morgan Stanley. Das liegt - wieder vergleichbar mit dem Arbeitszeugnis - an dem Ärger, den negative Urteile auslösen (siehe Kasten links).

Anleger sollten daher weniger auf das Urteil achten als auf die Tendenz. Jede Herabstufung stellt im Zweifel ein Alarmsignal dar. So reduzierte Morgan Stanley am Montag das Anlageurteil zum Neuer-Markt-Wert Dialog von "Outperform" auf "Neutral". Das mag harmlos klingen - Anlass war jedoch eine Gewinnwarnung, die den Aktienkurs um 60 % einbrechen ließ.

Eine wichtige Rolle spielen die Zwischentöne der Rating-Klaviatur: Statt das Anlageurteil zu senken, reduzieren gerade die US-Häuser häufig nur Gewinnschätzungen und Kursziele. Das macht weniger Aufsehen - und clevere Investoren verstehen die Botschaft dennoch.

So hat etwa Goldman Sachs kürzlich das Kursziel für Daimler-Chrysler-Aktien um ein Drittel gesenkt. Obwohl das Urteil "Market Perform" unverändert blieb, machte Goldman damit seine kritische Haltung klar. Dies gilt um so mehr, als Goldman die Fusion von Daimler und Chrysler mit einfädelte. Negative Urteile von Banken, die mit dem jeweiligen Konzern geschäftlich verbunden sind, sollten Anleger besonders ernst nehmen. Denn wer den eigenen Partner kritisiert, hat dafür meist gute Gründe.

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