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Anleger sollten einen kühlen Kopf bewahren

Nach wie vor sind die Märkte schwankungsanfällig - Negative Konjunkturprognosen und Unsicherheit über die politische Lage belasten.

HANDELSBLATT, 30.10.2001

DÜSSELDORF. "Wir sind in einem dichten Nebel, da muss man sich orientieren." Auch für Bernd Witt, für Anlagepolitik und das Privatkundengeschäft der BHF-Bank in Frankfurt/M. zuständig, ist die Situation an den Börsen zurzeit nicht eindeutig. Der Deutsche Aktienindex (Dax) hat sich zwar von den Tiefständen, die er nach dem 11. September markiert hatte, klar gelöst. Seinerzeit notierte er deutlich unter 4 000 Punkten, nun liegt er über 4 700 Zählern. Doch ob die Trendwende geschafft ist, darüber streiten sich selbst die Experten. Zu groß sind die Unsicherheiten über die weitere wirtschaftliche und politische Entwicklung weltweit. Wie sollte sich in diesem Umfeld der Anleger verhalten?

Für Witt stellt sich dabei nicht vorrangig die Frage, wo man sich engagieren sollte. Für ihn ist entscheidend, "wie viel hat man schon angelegt?". Zunächst sollte also der "Standort" bestimmt werden. Ein durchschnittlich risikobereiter Anleger investiert laut Witt ein bis zwei Drittel seiner Gelder in Aktien. Bei extrem pessimistischer Einschätzung der Lage würden also ein Drittel, bei extremem Optimismus zwei Drittel der Gelder in Aktien investiert. Einem Anleger, der bei einem Aktienanteil von rund 40 % liegt, würde Witt den Zukauf empfehlen, damit "er nicht auf der pessimistischen Seite der Quote ist". Eine Quote von 60 % oder mehr sei dagegen "zu viel". Anleger sollten versuchen, sich im mittleren Bereich aufzuhalten, denn "für beide Abweichungen gibt es zu wenig Argumente".

Vorteilhaft sei diese Vorgehensweise, da man damit "nach beiden Seiten noch eine Option hat". Dabei schließt Witt in der derzeitigen Börsenlage positive, aber auch negative "Überraschungen" nicht aus. Sein bevorzugtes Szenario für die nächsten Monate: Der Dax wird noch einmal zurückfallen, spätestens bei 4 000 Punkten aber wieder der nach oben drehen und bis Dezember/Januar auf rund 5 000 Zähler steigen; der Optimismus im Markt nehme ebenfalls deutlich zu. Allerdings werde es dann erneut "gefährlich", so Witt. Beispielsweise werde eine Konjunkturerholung zu diesem Zeitpunkt noch nicht sichtbar sein. Neue Rückschläge könnten die Folge sein. Bis die positiven Faktoren wirklich "greifen", werde es bis zum 2. Halbjahr 2002 dauern.

Auch bei der WGZ-Bank wird im Anlagebereich - in der Regel sind es Großanleger - ein ähnliches Vorgehen im Sinne einer Standortbestimmung praktiziert. Laut Hermann Simonis, Leiter des Private Asset Managements der WGZ, wird zunächst die gesamte Vermögensstruktur untersucht. Erst nach der Klärung der Gesamtstruktur werde mit dem Kunden über Kapitalanlagen gesprochen, wobei natürlich auch die Risikoneigung festgestellt werden muss. Anhand von Beispielen werde dann dem Kunden gezeigt, wie sich bei einer bestimmten Depotstruktur sein Vermögen in den letzten 20 Jahren entwickelt hätte - jeweils auf das einzelne Jahr bezogen. Ziel sei es auch, ein "gewisses Grundverständnis zu wecken, dass bei der Beimischung von Aktien Risiken bestehen", so Simonis.

Auch bei dieser Vorgehensweise werden Extrempunkte - im Sinne bester und schlechtester Performance - festgelegt, ebenso ein Durchschnitt. Allerdings dürften dabei keine unrealistischen Renditversprechungen geweckt werden. Grundsätzlich müsse der Anleger in den zurzeit unsicheren Märkten eine gewisse Risikoneigung mitbringen, erklärt Simonis. Die WGZ sei zwar auf lange Sicht eher optimistisch für die Börsenentwicklung gestimmt. Auf derzeitigem Niveau erwartet die Bank aber eher eine Seitwärtsbewegung.

Laut Volker Haas, Privatkundenbereich Wertpapiere der Vereins und Westbank, - sind chancenorientierte Anleger wieder an einigen Märkten aktiv. Dies seien Anleger, die bis zu gut 60 % in Aktien anlegen, bei einem mittleren Anlagehorizont von sechs Monaten bis zu zwei Jahren. Ein Durchschnittsdepot könnte, so Haas, wie folgt aussehen: Je 20 % europäische und internationale Aktien und je 25 % europäische und internationale Renten des Dollar-Raums (USA, Kanada, Australien).

Haas rät Anlegern: "Man sollte jetzt nicht die Nerven verlieren und sein Depot vollständig ausräumen". Dies könnte gerade nach der Dax-Erholung verlockend sein, wäre aber "der völlig falsche Weg". Die Vereins und Westbank - erwartet, dass der Dax sich gegenüber dem Euro- Stoxx zunächst etwas besser entwickeln wird. Bis Jahresende wird der Dax in einer Spanne von 4 600 bis 5 100 Punkten gesehen und auf Sechs-Monats-Sicht bei 4 800 bis 5 300 Zählern. Für den Euro-Stoxx lautet die Prognose auf 3 600 bis 3 900 bzw. 3 700 bis 4 Punkte.

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