Anleger sollten zweigleisig fahren
Anleger vertrauen wieder dem Bullen

Gibt es die "neuen Zykliker"? Diese Frage treibt derzeit die Analysten in London um. Dabei geht es im Wesentlichen um die Diskussion, ob die "alten" Branchen Stahl, Automobil, Chemie und Bergbau viel weniger anfällig geworden sind gegen konjunkturelle Schwankungen, als dies noch Anfang der 90er-Jahre der Fall war, als die Titel teilweise um 70 Prozent eingebrochen waren.

Die Analysten von Schroder Salomon Smith Barney (SSSB) haben herausgefunden, dass beispielsweise die Bauausgaben im Abschwung des vergangenen Jahres nur von plus vier Prozent Wachstum auf ein Prozent Plus zurückgingen, während die Investitionen in IT-Ausrüstungen und Software von plus 13 Prozent auf minus acht Prozent einbrachen. Bei den Telekommunikationsausrüstungen war sogar ein regelrechter Absturz von plus 33 auf minus 33 Prozent registriert worden. Die Entwicklung in den USA habe ihre Fortsetzung in Europa gesehen, wo Alcatel, Marconi und Konsorten unter die Räder kamen, während Bauaktien wie Saint Gobain oder Wolseley davon profitierten, dass sie weniger zyklisch seien als Technologietitel.

Für den Anleger in Europa leiten die Strategen von SSSB ab, dass man sich nicht an den klassischen Industrie-Zyklikern orientieren soll, wenn man vom Konjunkturaufschwung profitieren will. Vielmehr sei das Erholungspotenzial der TMT-Aktien (Technologie-Medien-Telekommunikation) viel größer, denn die "neuen Zykliker" hätten im Abschwung 2001 am meisten gelitten. Innerhalb des Tech-Sektors unterscheiden die Analysten zwischen Software, IT-Dienstleistungen, Halbleitern und Telekom-Ausrüstern. Während die ersten drei Marktsegmente die Talsohle durchschritten hätten, sei bei den Telekom-Ausrüstern mit weiteren Gewinnrevisionen zu rechnen.

Jedoch wollen die Analysten von SSSB nicht falsch verstanden werden. Man gehe nicht davon aus, dass die "neuen Zykliker" den Gesamtmarkt in den nächsten zehn Jahren schlagen. Aber dies gelinge vielleicht in den kommenden zwölf bis 18 Monaten. Es könne genauso schmerzhaft sein, im Aufschwung bei Technologie- und Medienaktien untergewichtet zu sein, wie es falsch war, 1993 und 1994 nicht auf Industrietitel gesetzt zu haben.

Großes Erholungspotenzial für TMT-Werte

Aber dieser unorthodoxe Denkansatz hat auch seine Tücken. Bernhard Langer, Fondsmanager des Euro Dynamik bei der Anlagegesellschaft Invesco, wirft ein, dass es keine eindeutige Branchenentwicklung mehr gebe, entscheidend sei vielmehr das richtige "stock picking", also die Auswahl von Einzelaktien. Gemessen an den Gewinnrevisionen der Analysten sei die Tendenzwende an den Börsen im vierten Quartal 2001 erfolgt, jedoch blieben weiterhin Unsicherheiten. "Auf Unternehmensebene sind die Vorstände sehr, sehr vorsichtig mit ihren Aussagen", gibt Langer zu bedenken.

Gerade bei den Investitionen sind die Konzerne weiter zurückhaltend, ohne einen Stimmungsumschwung von dieser Seite her wird es aber mit dem Durchstarten der TMT-Aktien nichts werden. "Wir warten noch darauf, dass jemand sagt, wir kürzen bei den Investitionen nicht mehr", erklärt Harald Sporleder, der bei der Anlagegesellschaft DIT für europäische Aktien zuständig ist. Erst wenn wieder Erweiterungsinvestitionen angekündigt werden, sei eine von den Halbleiterherstellern ausgehende Erholung durch alle Branchen wahrscheinlich. "Es fehlen aber noch die harten Fakten für ein solches Szenario", sagt Sporleder. Andererseits kommt der Anleger meist zu spät, wenn die TMT-Aktien richtig anspringen. "Bei Technologieaktien muss die Bereitschaft vorhanden sein, sich schnell zu bewegen", weiß Sporleder.

Frühzykliker wie zum Beispiel Medien-, Stahl- und Chemiewerte signalisierten als erste, wenn Bewegung in den Markt kommt. Und tatsächlich haben sich etwa Vivendi, EMI und die Werbeagentur WPP nach einem Zwischentief zu Beginn des Jahres teilweise wieder nach oben gehangelt.

"Klassiker" haben ihre Berechtigung im Depot

Für den Anleger empfiehlt sich deshalb noch eine zweigleisige Strategie. Einerseits sollte er sein Depot mit soliden Klassikern bestücken, um von Enttäuschungen nicht zu hart getroffen zu werden. Gleichzeitig sind aber auch ausgesuchte TMT-Werte sukzessive wieder beizumischen. Aktuell haben Anlageprofis sowohl defensive als auch offensive Titel im Visier. Auf der Kaufliste stehen etwa BNP Paribas ("gute Gewinndynamik, Fusion weitgehend verdaut") und UBS ("kann Einschläge im Investmentbanking ausgleichen"), außerdem aus den Bereichen Pharma und Chemie noch Aventis wegen der guten Produkt-Pipeline und Sanofi-Synthelabo mit der Aussicht auf Stabilisierung und auf schrittweise Ausweitung der Gewinne. Zur "Grundausstattung" eines Wertpapierdepots zählen viele Strategen für 2002 auch Ölaktien, etwa BP und Totalfina. An der Nahtstelle zum TMT-Bereich gelten auch Philips-Papiere als aussichtsreich, da hier die Kombination aus Halbleitern und Verbraucherelektronik reizt. Neben bereits genannten Medientiteln finden unter den Techno-Werten auch ASML und Logica Anklang.

Selbst die Telekom-Betreiber gehören nicht mehr zu den Unberührbaren, denn die Verschuldungsproblematik trete mehr und mehr in den Hintergrund, wie es ein Fondsmanager formuliert. Das Aktien-Research von Credit Suisse First Boston hat beispielsweise ausgerechnet, dass sich die Verkäufe von Unternehmensteilen der Telekom-Konzerne seit Mitte 2000 auf umgerechnet 68 Milliarden Dollar addiert haben, die Unternehmen also durchaus bemüht seien, von ihrem Schuldenberg herunterzukommen. France Télécom und Telefónica werden als chancenreiche Kandidaten angesehen. Lediglich bei den Telekommunikationsausrüstern bleiben die Analysten weiter skeptisch. Hier halten die Analysten die Daumen noch nach unten.

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