Anleger überschätzen beim Aktienkauf ihre eigenen Fähigkeiten
Börsenpsychologie: Zu viel Optimismus kann teurer werden

Bei der Geldanlage wie beim Autofahren trauen sich die meisten Menschen zu viel zu. An der Börse kann dies teure Folgen haben. Denn übetriebener Optimismus führt dazu, dass viele Anleger ihr Geld nicht breit genug streuen und zu häufig umschichten. Sie nehmen damit unnötige Risiken und Kosten in Kauf.

DÜSSELDORF. Wer glaubt, er fahre besser Auto als die meisten anderen Verkehrsteilnehmer, befindet sich in guter Gesellschaft. Denn die allermeisten Menschen bewerten ihre Fahrqualitäten als überdurchschnittlich. Nur: In Wirklichkeit können wir natürlich nicht alle besser fahren als die anderen.

Ein ähnliches Phänomen existiert an der Börse. Zwar ist allgemein bekannt, dass kaum ein Anleger den Gesamtmarkt auf Dauer schlägt. Trotzdem folgen die meisten Anleger einer individuellen Strategie. Statt einfach einen Indexfonds zu kaufen, hofft jeder auf den Erfolg seiner Favoriten - mögen dies Biotech-Titel, Logistik-Werte oder Standard-Aktien sein.

Experten wie Privatanleger leiden im Umgang mit Geld unter dem gleichen Hang zur Selbstüberschätzung. Das belegt ein Experiment der Verhaltensforscher Ekkehard Stephan von der Universität Kassel und Guido Kiell von der Kölner Uni. Die beiden fragten Devisenhändler einer Frankfurter Großbank nach ihren Prognosen für verschiedene Währungskurse. Anschließend sollten die Experten ihre eigene Treffgenauigkeit abschätzen. Das Ergebnis: Die Profis lagen - trotz ihrer jahrelangen Erfahrung - viel häufiger daneben, als sie gedacht hatten.

Bei der Geldanlage führt der übertriebene Optimismus zu zwei kostenträchtigen Fehlern: Zum einen streuen Investoren ihr Vermögen nicht genügend, und außerdem schichten sie ihr Geld zu häufig um.

Ein Crash auf dem Heimatland schlägt auf das Ersparte

Private Investoren legen sich vornehmlich Werte ins Depot, die sie kennen. So besitzen deutsche Anleger überwiegend deutsche Aktien. Investoren anderer Länder bevorzugen dagegen ihre nationalen Märkte, wie Dirk Schiereck von der Uni Mannheim nachweisen konnte. Die Folge: Ein Crash auf dem Heimatmarkt schlägt voll durch auf das Ersparte.

Zudem halten viele Anleger zu wenige Aktien. Das erleichtert zwar den Überblick, macht das Depot aber anfällig für Schwankungen einzelner Werte. Nur wer sein Geld breit streut auf mehrere Anlageformen und Märkte, optimiert das Risiko-Chance-Profil. Diese Empfehlung stößt jedoch auf ein psychologisches Hindernis: Anleger scheuen unwillkürlich unbekannte Börsen und Wertpapiere. Eine rationale Anlagestrategie erfordert deshalb Disziplin. Sie lässt sich nur umsetzen, wenn die Vernunft über das trügerische Gefühl im Bauch siegt.

Eine weitere Psychofalle liegt im häufigen Umschichten des Vermögens. Viel zu oft laufen Anleger einem heißen Trend hinterher, den sie entdeckt zu haben glauben. Häufig opfern sie dabei gute Investments, um Platz im Depot zu schaffen für schlechtere Alternativen. Das zeigt eine Studie des US-Forschers Terrance Odean. Der Wissenschaftler konnte außerdem nachweisen, dass der Wertpapierhandel per Internet die Tendenz zum häufigen Umschichten noch verstärkt.

Odean verfolgte die Entwicklung von rund 10 000 Wertpapierdepots bei einem amerikanischen Brokerhaus. Die Konten wurden während der Studie auf Online-Handel umgestellt. Als die Anleger ihre Aktien noch nicht per Mausklick orderten, agierten sie sehr erfolgreich: Die Depots entwickelten sich im Schnitt besser als der Gesamtmarkt. Das änderte sich nach Einführung des elektronischen Handels. Odean registrierte häufigere Umschichtungen, die doppelt auf die Rendite drückten: Zum einen entwickelten sich die abgestoßenen Aktien nach dem Verkauf besser als die Titel, die neu ins Depot kamen. Außerdem stiegen die Kosten.

Ein Rat, wie Anleger vorschnelle Entscheidungen meiden können, stammt von einem der erfolgreichsten Fondsmanager der Welt, Peter Lynch von Fidelity Investments. Er stellte die so genannte Zwei-Minuten-Regel auf. Danach sollten Anleger eine Investment-Idee erst dann realisieren, wenn sie einen unbeteiligten Zuhörer in einem zweiminütigen Vortrag davon überzeugen können. Dann zeigt sich nämlich schnell, ob der Plan nur auf verschwommenen Hoffnungen basiert oder auf harten Fakten.

Handelsblatt.com veröffentlicht in loser Folge Beiträge zum Thema Börsenpsychologie.

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