Anlegerkultur im Zeichen der T-Aktie
Kommentar: Zeitenwende

Ist es mit der deutschen Aktienkultur schon wieder vorbei? Gestern bedurfte es nicht einmal einer schlechten Nachricht, um die Telekom-Aktie zeitweise unter den Ausgabekurs zu drücken. Da passt es ins Bild, dass der Deutsche Aktienindex vorübergehend auf den niedrigsten Stand seit 1998 fiel und das Wachstumssegment Neuer Markt mit dem zeitweisen Unterschreiten der 900-Punkte-Marke erneut ein historisches Tief erreichte.

Die Hoffnung auf eine deutsche Aktienkultur scheint mit dem Fall der T-Aktie unter den Ausgabekurs erst einmal geplatzt - auch wenn sich die Aktie kurz vor Handelsschluss erholte. Das Papier des einstigen Staatsbetriebs Deutsche Telekom ist heute so viel wert wie 1996, als Millionen von Kleinanlegern die Aktie als einen wichtigen Baustein für die private Altersvorsorge aufgedrängt bekamen. Das Bittere daran: Erstmals könnten nun auch die vorsichtigen Anleger draufzahlen. Wer vor fünf Jahren T-Aktien langfristig ins Depot legte, entdeckt vielleicht auf dem nächsten Auszug zum ersten Mal rote Zahlen. Schon erreichen Hilferufe die Bundesregierung. Die Schutzgemeinschaft der Kleinaktionäre forderte Finanzminister Hans Eichel auf, den gebeutelten Anlegern mit Gratisaktien zur Seite zu stehen. Das scheint plausibel: Einem Anleger dürfte derzeit schwer zu vermitteln sein, warum er auf Aktien setzen soll. Wenn schon die mit freundlicher Unterstützung der Bundesregierung als "Volksaktie" beworbene T-Aktie in fünf Jahren keinen Vermögenszuwachs garantiert, welcher Wert dann?

Eine solche Schlussfolgerung freilich hat mit dem Begriff "Aktienkultur" wenig zu tun. Wer so argumentiert, vertritt eher den moralischen Standpunkt, wonach ein Investor für seinen Einsatz auf jeden Fall etwas erhalten muss. Wie die Börse wirklich funktioniert, hat die T-Aktie ihren Anlegern in fünf Jahren deutlicher als alle anderen Werte vor Augen geführt. Ihr Höhenflug löste erst die Gier auf scheinbar mühelose Gewinne aus, was viele schon mit Aktienkultur verwechselten. Der Erfolg der T-Aktie wies den Weg für den vergangenen Boom des Neuen Marktes. Zuletzt stand die T-Aktie eher als Symbol für das Zerstören des Irrglaubens einer Anlegerkultur: Der Verkauf von T-Aktien durch die Deutsche Bank löste nicht nur den verheerenden Kursrutsch der vergangenen Wochen aus. Er erzürnte auch das nationale Bewusstsein, weil das Institut erst wenige Tage zuvor seine Kaufempfehlung für den Ex-Monopolisten öffentlich bekräftigt hatte. Im angelsächsisch geprägten Ausland dagegen - den Deutschen bei der Erfahrung mit Aktien um Längen überlegen - wurde die Transaktion mit Achselzucken quittiert. Der Verkauf selbst war in Ordnung, die Bank hatte für ihren Kunden das Beste herausgeholt, so what? Der "kultivierte" Investor verhält sich eher rational als moralisch.

Deshalb darf die Bundesregierung auf keinen Fall einem möglichen Impuls nachgeben, Anleger zu entschädigen. Dann könnte sie auch gleich die Totenglocke für eine glaubhafte Anlegerkultur in Deutschland läuten. Aktien sind riskant. Wer investiert, muss deshalb immer rational abwägen - und darf sich dabei weder von ehemaligen Tatort-Kommissaren leiten lassen noch von protzigen Firmenchefs. Wer das beherzigt, lernt bald eine weitere Grundregel kennen: Die Börse ist keine Einbahnstraße, auch nicht nach unten - das zeigte auch die gestrige Kursentwicklung der Telekom. Wenn Anleger aus schlechter Erfahrung lernen, läutet die T-Aktie nicht das Ende der Aktienkultur ein, sondern die Zeitenwende.

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