Anleihe-Gläubiger wollen Schulden gegen Aktien eintauschen
NTL soll durch Insolvenz gerettet werden

Die Anleihe-Gläubiger des britischen Kabelnetzbetreiber NTL stehen offenbar kurz vor einer Übernahme des hoch verschuldeten Unternehmens. Nach Informationen des Wall Street Journal planen sie, Bonds im Wert von 11 Mrd. $ gegen NTL-Aktien einzutauschen. Zuvor soll das mit insgesamt 17 Mrd. $ verschuldete Unternehmen unter den Schutz des US-Paragrafen Chapter 11 gestellt werden. Dies ist möglich, weil NTL Sitz und Börsennotierung in New York hat, während das operative Kabelgeschäft in Großbritannien, Irland, der Schweiz, Frankreich und Deutschland (Iesy/Hessen) von London aus betrieben wird.

dri/HB/wsje. Den Alt-Aktionären, allen voran France Télécom mit heute 18 %, sollen zunächst 7,5 % an einer neuen NTL angeboten werden, die sie später auf 24,5 % aufstocken könnten. Wie es heißt, sollen sich NTL, France Télécom und die größten Anleihe-Gläubiger - darunter die Fonds Angelo, Gordon&Co., Appaloosa Investments, Franklin Resources Inc. und von der Citigroup Inc. - auf diesen Rahmen verständigt haben. Die Anmeldung der Insolvenz nach Chapter 11 soll demnach noch in dieser Woche erfolgen.

Offiziell wollte keines der Unternehmen zum laufenden Umstrukturierungsprozess bei NTL Stellung nehmen. Scheitern könnte das Vorhaben an Banken und Netzausrüstern, die 6 Mrd. $ Kredite an NTL ausstehen haben. Eine Lösung muss allerdings bis 1. Mai gefunden werden, weil dann weitere Zinszahlungen an die Gläubiger fällig werden. Bei dem geplanten Tausch von Schulden gegen Aktien würden auch die Anleihe-Gläubiger ihre 11 Mrd. $ zunächst verlieren. Der Börsenwert von NTL liegt nur noch wenig über 100 Mill. $.

Unter Finanzmarkt-Experten wird der Anleihe-Ausfall dennoch nicht als Katastrophe angesehen. Bei Anleihen an NTL sei klar gewesen, dass es sich um Junk-Bonds handelte, die ein hohes Ausfall-Risiko in sich bergen, heißt es. Die Rating-Agentur Standard & Poor?s hatte die Kreditwürdigkeit von NTL seit jeher als sehr gering eingestuft, und sie vergangene Woche weiter abgewertet. Der Fall NTL gilt Analysten zufolge daher nicht als so schlimm wie etwa der Fall Enron: Zwar wird der Kreditausfall bei NTL höher sein. Enron hatten die Experten hingegen bis zur Pleite als seriöses Unternehmen eingestuft.

France Télécom hat bereits in der eigenen Bilanz Vorsorge getroffen und die Investition von 4,58 Mill. Euro in NTL abgeschrieben.

Auch kleinere Anleihe-Gläubiger wie Fred Woollard von Hunter Hall glauben, dass es in der jetzigen Situation am besten ist, die Schulden in Aktien umzuwandeln und das Unternehmen dann mit neuen Bonds - die Rede ist von 500 Mill. $ - finanziell auszustatten. Unbelastet von Schulden habe NTL, die bisher stets hohe Verluste geschrieben hat, durchaus Chancen.

Mit 8,5 Millionen Kunden erwirtschaftete NTL 2001 einen Umsatz von 3,67 Mrd. Euro. Der operative Gewinn vor Steuern, Zinsen und Abschreibungen (Ebitda) lag bei fast 1 Mrd. Euro. Nach Sonderabschreibungen auf Zukäufe von Netzen in der Schweiz und Großbritannien blieb jedoch unter dem Strich ein Verlust von 12,8 Mrd. Euro, der größte Verlust eines Unternehmens in der britischen Geschichte. Zudem war NTL im vergangenen Jahr der einzige britische Pay-TV-Anbieter, der Kunden verlor.

Seit dem Wochenende jedenfalls scheinen mögliche Übernahmen, etwa durch AOL Time Warner oder Liberty Media, unwahrscheinlich. Liberty Media hatte Interesse an den Kabelnetzen vor allem in Großbritannien bekundet. Zusammen mit der eigenen Beteiligung am NTL-Konkurrenten Telewest hätte das Unternehmen von John Malone seine Stellung im britischen Kabelmarkt zum Monopol ausbauen können.

Am Wochenende hieß es bei Liberty, diese Pläne würden zunächst nicht weiter verfolgt.

Quelle: Handelsblatt, Wall Street Journal

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