Anleihe unter der Lupe
Analysten warnen vor Risiken beim Tui-Bond

Die Anleihe des Reisekonzerns Tui bietet eine auf den ersten Blick attraktive Rendite von fast acht Prozent. Doch Experten sind skeptisch: Ausgerechnet im Kerngeschäft Touristik wies der Konzern in diesem Jahr die größten Einbußen auf. Zudem ist der Konzern weiterhin hoch verschuldet und hat noch kein Rating.

FRANKFURT/M. Tui - Europas größter Reisekonzern - ist am Anleihemarkt keine große Nummer. Das Dax-30-Unternehmen hat nur einen Bond ausstehen. Der wurde vor vier Jahren begeben und wird im Oktober 2006 fällig. Für die kurze Restlaufzeit bietet die Anleihe eine hohe Rendite von rund 7,8 Prozent. Doch Experten warnen Investoren davor, sich davon blenden zu lassen. Dies gilt vor allem für Anleger, die auf Kursgewinne setzen und den Bond nicht bis zum Ende der Laufzeit halten wollen. Für Buy-and-Hold-Investoren ist ein Kauf dagegen eine Überlegung wert. Denn dass Tui innerhalb der nächsten Jahre pleite geht und seine Schulden nicht mehr zurückzahlen kann, gilt als unwahrscheinlich.

Vorstandschef Michael Frenzel hat den Konzern vom stark konjunkturabhängigen Stahl- und Bergbaukonzern Preussag zu einem Touristik-Konzern gewandelt. Doch die Touristik-Branche, die lange als immun gegen Konjunkturschwankungen galt, ist inzwischen zyklisch geworden. Bei den vorläufigen Zahlen zum Geschäftsjahr 2002 wies Tui ausgerechnet im neuen Kerngeschäft Touristik die größten Einbußen aus. Auch in diesem Frühjahr gingen die Reise-Buchungen deutlich zurück. Von der schwachen Konjunktur abgesehen, war der Hauptbelastungsfaktor der Irak-Krieg. Der ist zwar vorüber, doch jetzt bricht der asiatische Reisemarkt durch die Lungenkrankheit SARS ein. "Die Unsicherheiten werden anhalten und die ganze Touristik-Branche negativ beeinflussen", sagt Kreditanalystin Bettina Deuscher von der Landesbank Baden-Württemberg.

Genaue Zahlen für das abgelaufene Geschäftsjahr und Prognosen für 2003 veröffentlicht Tui erst am 7. Mai. Vor den Zahlen sei es zu unsicher, die Anleihe zu kaufen, meint Deuscher. Als weiteren Belastungsfaktor sieht sie das Verfahren gegen Tui-Chef Frenzel. Die Staatsanwalt Düsseldorf ermittelt wegen des Verdachts auf Untreue im Zusammenhang mit dem Verkauf der früheren Preussag-Tochter HDW an den inzwischen insolventen Anlagenbauer Babcock Borsig. Neben Frenzel sind Friedel Neuber, der frühere Chef der West LB, und Ex-Babcock-Chef Klaus Lederer ins Visier der Staatsanwalt geraten. Die West LB war maßgeblich am Umbau von Preussag zu Tui beteiligt.

Sven Kreitmair, Analyst für Unternehmensanleihen bei der Hypo-Vereinsbank, hält den Tui-Bond für "im Vergleich zu anderen Anleihen mit ähnlichem Kreditprofil nicht sonderlich attraktiv". Ihn stören unter anderem das schlechte Branchenumfeld und die hohen bilanziellen und außerbilanziellen Schulden des Konzerns.

Dabei hat der Schuldenabbau bei Tui hohe Priorität. Der Konzern hat ein striktes Sparprogramm eingeleitet und will dieses Jahr die Kosten um 260 Mill. Euro senken. Für das nächste Jahr soll das Sparpaket noch einmal um 100 Mill. Euro aufgestockt werden. Durch Verkäufe von Unternehmensteilen hat Tui seine Schulden in diesem Jahr bereits von 5,7 Mrd. Euro Ende 2002 auf unter vier Mrd. Euro gedrückt. Größter Posten war der Verkauf der Preussag Energie, der insgesamt gut 1,3 Mrd. Euro einbrachte. "Dazu kommen aber noch außerbilanzielle Verbindlichkeiten durch Leasing-Verträge", erklärt Kreitmair. Diese Verbindlichkeiten werden ebenfalls erst am 7. Mai veröffentlicht.

Im Geschäftsbericht für 2001 wies Tui sonstige finanzielle Verpflichtungen aus Leasing-, Miet- und Pachtverträgen über rund drei Mrd. Euro aus. Mehr als ein Drittel entfiel auf Leasing-Gebühren für Flugzeuge. "Diese Verbindlichkeiten rechnen auch die Ratingagenturen zu den Schulden", erläutert Kreitmair. Von daher habe der Konzern noch eine Menge Hausaufgaben zu machen, bevor er sich ein offizielles Rating hole.

Bislang hat Tui noch keine Bonitätsnote einer Agentur, will sich jedoch bis 2004 bewerten lassen. "Mit einem Rating wollen wir uns die Möglichkeit offen halten, den Anleihemarkt künftig bei günstigen Gelegenheiten in Anspruch zu nehmen", sagt Tui-Sprecher Nikolai Juchem. Dabei strebe der Konzern ein Rating innerhalb der Investitionsklasse an. Als Investitionsklasse gelten bei den Ratingagenturen Noten von AAA (Standard & Poor?s und Fitch) bzw. Aaa bis Baa3 (Moody?s).

Kreitmair meint, dass das Kreditprofil des Touristikkonzerns noch nicht einem Rating innerhalb der Investitionsklasse entspricht. Deuscher hält ein Rating von Dreifach-B für gerechtfertigt, wenn der Konzern mit seiner Entschuldung weiter vorankomme. Tui will unter anderem in den nächsten Monaten seine Handelsgesellschaften US Steel und AMC verkaufen. Außerdem stehen im nächsten Quartal die Erlöse aus dem Verkauf der Ruhrgas-Anteile an.

Andrea Cünnen
Andrea Cünnen
Handelsblatt / Finanzkorrespondentin
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%