Anleihe unter der Lupe
Bei Bayer klärt sich die Lage

Die Anleihen von Bayer haben in den vergangenen Wochen eine wahre Berg- und Talfahrt hingelegt. In der Spitze stieg die Rendite des 2007 fälligen liquiden Bonds bis auf gut 6 %. Grund für den mit der steigenden Rendite einher gehenden massiven Kursrückgang war der Abschluss des ersten Prozesses gegen den Leverkusener Pharma- und Chemiekonzern wegen seines Cholesterinsenkers Lipobay, den Bayer vor anderthalb Jahren vom Markt genommen hat. Im ersten Verfahren, bei dem ein 82-jähriger Mann in Texas 550 Mill. $ Schadensersatz gefordert hatte, wurde Bayer Mitte März freigesprochen. In der vergangenen Woche gewann Bayer den zweiten Lipobay-Prozess in Mississippi. Seitdem sind die Renditen der Bayer-Bonds wieder deutlich gesunken. Die bis 2007 laufende Anleihe bietet 4,63 %.

FRANKFURT/M. Obwohl Lipobay unter Umsätzen zu Muskelverfall führen kann, entschieden die Gerichte, dass Bayer nicht für die gesundheitlichen Probleme der beiden Kläger haften muss. "Dass Bayer den ersten Aufsehen erregenden Fall in Texas gewonnen hat, war besonders wichtig", sagt Martin Hochstein, Leiter des Rentenfondsmanagements bei SEB Invest. Positiv sei, dass die Jury das Urteil einstimmig getroffen habe. Die Befürchtungen im Markt, dass auf Bayer Belastungen über 10 Mrd. $ zukommen könnten, seien ungerechtfertigt gewesen und jetzt auch kein Thema mehr, sagt Hochstein. Auch Holger Kammel, Kreditanalyst bei der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW), meint, dass diese Schätzungen übertrieben waren.

Insgesamt belief sich die Zahl der Klagen gegen Bayer auf rund 8 400. Der Konzern hat 500 davon gegen Zahlung von rund 140 Mill. außergerichtlich beigelegt. Angesichts dieser Zahlen rechnet Hochstein damit, dass auf Bayer noch Belastungen zwischen 1,5 Mrd. und 2,5 Mrd. $ zukommen könnten. Den ein oder anderen Prozess könne Bayer zwar noch verlieren, wirkliche Gefahren sieht Hochstein aber nicht mehr. Auch die bald erwartete Entscheidung eines Gerichts in Minnesota über die Zulassung von Sammelklagen gegen Bayer wartet er gelassen ab. "Selbst wenn Sammelklagen zugelassen werden, bedeutet das nicht unbedingt eine Belastung für Bayer." Gleichwohl sollten die Anleihen auch in nächster Zeit noch volatil bleiben, wobei steigende Renditen eine Gelegenheit zum Einstieg sein könnten. Derzeit hält Hochstein die Anleihen für fair bewertet.

Analyst: Rendite dürfte sinken

Kammel von der LBBW empfiehlt weiterhin, Anleihen von Bayer überzugewichten. In den nächsten sechs Monate sollten die Renditen noch weiter sinken und sich denen vergleichbarer Chemie- und Pharmaunternehmen annähern, meint Kammel. Tobias Mock von der Hypo-Vereinsbank erwartet sinkende Renditen dagegen erst, wenn die Prozessfragen völlig geklärt sind. Das werde noch mindestens zwölf Monate dauern, schreibt er in einer Studie.

Etwas unter Druck könnten die Bayer-Bonds zudem kommen, wenn die Ratingagenturen ihre Bonitätseinstufung verschlechtern. Moody?s überprüft gerade das Rating A2 auf eine mögliche Herabstufung. Standard & Poor?s (S&P) hat Ende Januar für das im Vergleich zu Moody?s eine Stufe bessere Rating A+ einen negativen Ausblick vergeben. Die Ratings weisen Bayer aber immer noch als guten Schuldner aus. Die Deutsche Telekom zum Beispiel hat deutlich schlechtere Ratings, die im Mai 2007 fällige Telekom-Anleihe rentiert aber nur leicht über dem vierjährigen Bayer-Bond.

Als Begründung für den negativen Ausblick beziehungsweise die Überprüfung verweisen S&P und Moody?s auf die Prozessrisiken und auf das schwache operative Geschäft. Bayer verdient im Pharmabereich - dem einstigen Vorzeigeschäft - derzeit extrem wenig. Dem Chemie- und Agro-Chemie-Bereich macht die Konjunkturflaute zu schaffen. Auf der anderen Seite loben die Ratingagenturen die Fortschritte beim Schuldenabbau. Nachdem der Konzern dank strikter Sparmaßnahmen schon im vergangenen Jahr seine Nettoverschuldung deutlicher als erwartet auf 8,9 Mrd. gesenkt hat, will er die Schulden bis Ende des Jahres auf 7 Mrd. drücken. Moody?s hält dieses Ziel für gut erreichbar.

Andrea Cünnen
Andrea Cünnen
Handelsblatt / Finanzkorrespondentin
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