Anleihegläubiger haben noch nicht zugestimmt – Vorstände gelten als mögliche Investoren
Sanierung von Brokat auf wackligen Füßen

Am Montag müssen die Aktionäre der Brokat AG auf einer außerordentlichen Hauptversammlung dem umfangreichen Sanierungskonzept zustimmen. Noch ist ungewiß, ob sie dem einstigen Star des Neuen Marktes eine Überlebenschance einräumen. Auch die Anleihegläubiger zögern noch.

STUTTGART. Die leidgeprüften Aktionäre der Brokat AG müssen auf der außerordentlichen Hauptversammlung am Montag nochmals viel guten Willen beweisen. Denn die Rettung des von der Insolvenz bedrohten Stuttgarter Softwarehauses ist eine ebenso knifflige wie teure Angelegenheit. "Wegen des Streubesitzes von 85 % ist das Abstimmungsverhalten der Aktionäre schwer einzuschätzen", sagt Rudolf Neumann von der Schutzgemeinschaft der Kleinaktionäre (SdK).

Auch die Gläubiger der Anleihe in Höhe von 98,5 Mill Euro, die im Frühjahr 2000 aufgelegt und überwiegend an institutionelle Anleger verkauft wurde, müssen vom Sanierungerfolg von Brokat überzeugt werden. Erst wenn sie einem freiwilligen Forderungsverzicht zustimmen, ist die Insolvenz abgewendet. Dem einstigen Vorzeigeunternehmens des Neuen Marktes war die teure Expansion vor allem in den USA zum Verhängnis geworden.

Der Sanierungsfahrplan von Brokat trägt die Handschrift des neuen Aufsichtsratschefs Dirk Pfeil, im Hauptberuf Insolvenzverwalter. Er hat bereits tiefe Schnitte gesetzt. Die verlustbringenden US-Töchter wurden verkauft; und das Bezahlsystem für Handys, die in der Entwicklung aufwendigste Sparte von Brokat, soll mit 400 Beschäftigten und zwei Vorständen, darunter auch Ex-Chef Stefan Röver, an den US-Konzern E-One Global gehen.

Bei Brokat verbleibt nur der kleinere Bereich E-Finance mit 280 Beschäftigten. Damit besinnt sich das Unternehmen auf sein Kerngeschäft, auf Software und Dienstleistungen für die Finanzbranche. Mit diesem Geschäft ist Brokat groß geworden, hat aber darin die Marktführerschaft längst verloren. Mit der Expansion ist die Weiterentwicklung vernachlässigt worden.

Der neue Brokat-Chef, Mitgründer und Ex-Finanzchef Michael Janßen muss am Montag die Aktionäre überzeugen, dass Brokat mit E-Finance erfolgreich sein kann. Der Brokat-Sprecher verweist auf die lange Liste europäischer Kunden aus der Bankenbranche und auf das Geschäftspotential mit neuen technischen Lösungen. Analysten äußern sich skeptischer. "Die Banken streichen derzeit die IT-Budgets zusammen. Für Brokat dürfte es ein schwieriges Jahr werden", befürchtet Stephan Wittwer, Analyst der Landesbank Baden-Württemberg. Er sieht ein weiteres Problem: "E-Finance-Projekte laufen bis zu zwei Jahren. Die Kunden benötigen also Investitionssicherheit." Ob Brokat diese Sicherheit bieten kann, sei fraglich. Am Montag legt das Softwarehaus Neun-Monatszahlen vor. Die Auftragszahlen in der Sparte E-Finance könnten ein erstes Barometer für den Erfolg sein.

"Den Aktionären bleibt keine andere Wahl, als Janßen zu vertrauen", sagt Aktionärsschützer Neumann. Bei einer erfolgreichen Sanierung von Brokat bestehe die Chancen, wenigstens einen kleinen Teil des verlorenen Geld zurückzugewinnen. Die Aktie notiert aktuell bei 60 Cent, weit entfernt vom Emissionskurs von 64 DM oder gar den Höchstkursen von 200 Euro.

Doch auch ein Ja kommt die Aktionäre teuer. Auf der Tagesordnungspunkt steht ein Kapitalschnitt im Verhältnis von 50:1 mit anschließender Kapitalerhöhung von bis zu 14 Mill. Euro. Fünf Mill. Euro sollen die Aktionäre zuschießen, neun Mill. Euro die Anleihegläubiger oder ein Investor. Nach Informationen des Handelsblattes wollen die Gläubiger offenbar die Kapitalerhöhung nicht mitmachen. Statt dessen soll der Vorstand, darunter auch Janßen, bereit sein, neue Aktien zu erwerben.

Brokat ringt seit langem mit den Anleihegläubigern um den Forderungsverzicht und bietet eine Barauszahlung von 60 Mill. Euro an sowie einen Umtausch der restlichen Anleihe in Brokat-Aktien an. Dass die Bondnehmer mit einem Nein mehr Geld verlieren würden als mit einer Zustimmung, sagt nicht nur Aktionärsschützer Neumann. Ein Brokat-Sprecher macht sich Mut: "Die Gläubiger müssen nicht vor der Versammlung zustimmen".

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