Anleihen statt Aktien und Sicherheit statt Risiko lautet das Credo der Bären in den Banken
Pessimisten gewinnen an Einfluss

Die volkswirtschaftlichen Abteilungen der Banken überbieten sich gegenseitig mit immer schwärzeren Prognosen. Die Pessimisten gewinnen an Einfluss. Denn schwache Konjunkturdaten und der Börsencrash sichern ihnen die Aufmerksamkeit der Investoren.

FRANKFURT/M. Einst warfen Investoren den Bankexperten zu Recht vor, fast nur optimistische Prognosen zu veröffentlichen. Heute scheint es, als wetteiferten einige Volkswirte um den Titel des größten Pessimisten.

Ganz vorne mit dabei: Stephen Roach von Morgan Stanley, der seine plakative These vom "Double Dip" (zweiter Rückfall in eine US-Rezession) kürzlich zum "Multiple Dip" ausbaute. Damit meint Roach, dass die größte Volkswirtschaft der Erde in den nächsten Jahren mehrfach in eine neue Krise rutscht. Furchterregend klingt auch Stephen King (nicht verwandt mit dem Autor von Horrorromanen), Chefvolkswirt des großen britisch-asiatischen Bankhauses HSBC. Er spricht von einer "New Stagnation", einer Stagnationsphase, die für westliche Industrieländer völlig ungewohnt ist (siehe nebenstehendes Interview). Albert Edwards, Chefstratege der Dresdner Bank-Tochter - Kleinwort Wasserstein, gab seinem frostigen Szenario den Titel "Eiszeit": Aktienkurse, Unternehmensgewinne und Wirtschaftswachstum werden nach dem überhitzten Boom der 90er Jahre in eine Art Kältestarre fallen.

In den Banken steigt der Einfluss der Skeptiker. Denn Bankkunden wickeln ihre Wertpapieraufträge über den Arbeitgeber des Experten mit der größten Treffsicherheit ab. Und mit optimistischen Prognosen lagen die Banken schon zu oft schief.

"Die Belastungsfaktoren reichen vom drohenden Irakkrieg über die schwache Konjunktur bis hin zum latenten Risiko einer Deflationsspirale", begründet Stratege James Sweeney von Credit Suisse First Boston (CSFB) den neuen Trend zum Pessimismus. Hinzu kommt: "Gemessen an der langfristigen Kursentwicklung seit 1849 haben die US-Börsen gerade mal die Übertreibung der vergangenen 20 Jahre abgebaut", sagt Sweeney, "aber die Kurse sind oft unter den langfristigen Trend gefallen, bevor sie drehten".

Das bedeutet indes nicht, dass an den Finanzmärkten kein Geld mehr zu verdienen ist. Nur müssen Investoren nach Ansicht der Bären radikal umdenken. "Wir sind vorsichtig optimistisch für sichere Anleihen", sagt CSFB-Experte Sweeney. Aktien dürften dagegen weiter sinken. Damit würde eine Standardempfehlung vieler Bankberater ins Gegenteil verkehrt - nämlich, dass volatile Anlageformen wie Aktien stets die höchste Rendite versprechen.

Anleihen statt Aktien und Sicherheit statt Risiko - so lautet das neue Investment-Motto. "Sollten sich die Deflationssorgen verstärken, dann haben langfristige US-Staatsanleihen noch viel Potenzial", meint Morgan-Stanley-Volkswirt Roach. Zwar scheinen manchen die aktuellen Renditen von nur noch 3,6 % für US-Bonds und 4,3 % für Bundesanleihen gefährlich niedrig (die Anleiherenditen entwickeln sich gegenläufig zu den Kursen). Aber das gilt nur, wenn man die rosarote Brille der vergangenen zwanzig Jahre aufsetzt. Davor waren sehr niedrige Renditen gar nicht selten.

"Der unglaubliche Boom, den wir hinter uns haben, war die Ausnahme, nicht die Regel", sagt Roach. Der wichtigste Motor des ungewohnt langen Aufschwungs war der kontinuierliche Rückgang der Inflation von zweistelligen Raten auf kaum mehr als ein Prozent in den USA. Denn parallel zur Inflation fiel auch die so genannte "Risikoprämie" für Aktien. Zukünftig fällt dieser mächtige Motor weg, meint Sweeney. "Die Inflation ist bereits so niedrig, dass von dieser Seite kaum noch positive Impulse für die Märkte zu erwarten sind", sagt er.

Roach und Edwards fürchten sogar das Gegenteil. Wenn die Preise fallen, statt zu steigen, droht eine Deflationsspirale. Dahinter steckt eine Teufelskreis: Verbraucher stellen wegen fallender Preise ihre Käufe zurück, die Unternehmen investieren nicht mehr, und die Wirtschaft schrumpft immer weiter. "In den USA fallen die Güterpreise bereits, und auch Dienstleistungen verteuern sich kaum noch", warnt Roach, der im Deflationsgespenst die größte Gefahr für Finanzmärkte und Weltkonjunktur sieht.

Quelle: Handelsblatt

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%