„Anne Will“-Premiere
Der Wettlauf der sozialen Wohltäter

Bei der Premiere der neuen ARD-Sonntagabend-Talkshow "Anne Will" beerdigen SPD-Chef Kurt Beck und der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Jürgen Rüttgers die Agenda-Politik. Allen geht es irgendwie schlecht in diesem Land - da werden soziale Versprechungen eifrig beklatscht.

BERLIN. Jürgen Rüttgers ist schneller. Um 21.53 Uhr hat Anne Will ihm das Wort erteilt, und der CDU-Politiker nutzt die Gelegenheit eilig, um zu fordern: "Wer voll arbeitet, der muss auch davon leben können." Das ist eigentlich ein SPD-Slogan. Entsprechend gereizt wirkt SPD-Chef Kurt Beck, als er eine Minute später das Wort erhält. "Tschuldigung", kontert er. Wohlfeile Sprüche und eine Politik, "die das Gegenteil macht" - das gehe nicht zusammen.

Willkommen zum Neustart eines hassgeliebten sonntäglichen Rituals: der Polit-Talkshow. Die Moderatorin zappelt nicht so herum wie Sabine Christiansen vor der Sommerpause. Das rot-braune Retro-Studio lässt erst gar kein Tageslicht mehr durchs Fenster herein. Aber sonst hat sich bei "Anne Will" nichts Revolutionäres geändert. Auch das genaue Thema der Sendung ("Rendite statt Respekt - wenn Arbeit ihren Wert verliert") hat man wie gewohnt nach wenigen Minuten vergessen.

Tatsächlich geht es in der Sendung schnell um etwas anderes: Wer ist der bessere Sozialdemokrat - Rüttgers oder Beck? Der SPD-Chef will dem Zangenangriff von Linkspartei und Unions-Linken durch eine massive Offensive für soziale Sicherheit entkommen. Rüttgers kennt keine Skrupel, sich populistisch gegen vermeintliche "Lebenslügen" zu positionieren.

Sie wird die Sendung zu einem Wettlauf der Wohltäter: Beck propagiert den Mindestlohn und den Erwerbstätigenschutz, Rüttgers fordert ein längeres Arbeitslosengeld I und mehr Geld für Kinder von Hartz-IV-Empfängern. "Eine Zumutung", poltert Beck über "falsche Behauptungen" seines Widerparts. Rüttgers versetzt seine Tritte unter der Tischplatte: Sofort könne man sich auf ein höheres Arbeitslosengeld einigen. Aber dies verhindere Vizekanzler Franz Müntefering (SPD).

Die Debatte springt von den Niedriglohn-Jobbern über die Hartz-IV-Empfänger zu den ausgebrannten Managern. Allen geht es irgendwie schlecht in diesem Land. Da werden soziale Versprechungen eifrig beklatscht.

Kurz vor Ende wagt Telekom-Chef René Obermann den Hinweis, dass die Arbeitslosenzahl von fünf auf 3,8 Millionen gesunken sei. Doch davon will die Trauerrunde nichts wissen. Agenda 2010? Verdammt lang her! "Ist das der Aufschwung, den die SPD wollte?", fragt Anne Will. "Nein, sicher nicht", antwortet Beck.

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