Annulierung der Hauptversammlung
Vivendi verärgert Kleinaktionäre

Die Annullierung der Vivendi-Universal-Hauptversammlung hat das Management des Konzerns erneut ins Kreuzfeuer gebracht. Kleinaktionäre nennen die Maßnahme rechtlich unwirksam und pochen auf Auszahlung der Dividende, die auf ein Sperrkonto überwiesen wurde. Großaktionäre fühlen sich durch technische Pannen um ihr Stimmrecht betrogen.

 

PARIS. Vorstand und Aufsichtsrat des französischen Mischkonzerns Vivendi Universal S.A. haben beschlossen, Anfang Juni eine neue Hauptversammlung des Unternehmens einzuberufen. Sie schufen damit die Rechtsgrundlage für die Ankündigung von Vivendi-Vorstandschef Jean-Marie Messier, die Aktionäre erneut zusammen zu rufen.

Aktionärsvertreter hatten Messier zuvor öffentlich das Recht abgesprochen, die Ergebnisse der Hauptversammlung vom 24. April 2002 für nichtig zu erklären. "Dazu ist allein ein ordentliches Gericht befugt", befand die Präsidentin der Kleinaktionärsvereinigung Adam, Colette Neuville. Messier hatte am Wochenende angekündigt, er wolle wegen Verdachts der Manipulation am elektronischen Abstimmungssystem über die Anträge des Aktionärstreffens neu befinden lassen.

Messier handelte dabei offensichtlich in Absprache mit mehreren Großaktionären und Depotbanken, die ihre Zustimmung zu den Anträgen des Vorstands bei der elektronischen Abstimmung als Enthaltungen gewertet sehen. Zu diesen Betroffenen zählen neben dem Baustoffkonzern Saint Gobain S.A., dessen Jean-Louis Beffa auch Vivendi-Aufsichtsrat ist, die Banken Société Générale, Crédit Lyonnais sowie BNP Paribas. Diese hatte das Aktionärstreffen organisiert.

Kritiker Messiers ließen gestern durchblicken, die angeblichen Manipulationen seien eine ideale Gelegenheit, bei einer neuerlichen Hauptversammlung zwei zuvor gescheiterte Resolutionen erneut durchzupauken: Eine für ein weit reichendes Aktienoptionsprogramm für das Managment, die andere für ein unter Bezugsrechtsausschluss genehmigtes Kapital von bis zur Hälfte der umlaufenden Vivendi-Aktien. Aber Messier habe "mehr Gründe als nur die abgelehnten Anträge, um sich eine neue Versammlung zu wünschen". Nicht zuletzt sei wohl der Zorn einiger Aufsichtsräte bis dahin verraucht, meinte ein Analyst, der in den letzten Tagen mit einigen der Aufsehern gesprochen hat.

In diesem aufgeheizten Klima haben Präzisierungen des Unternehmens über den Manipulationsverdacht das Misstrauen vieler Privatanleger nicht ausräumen können. So verlangte Adam-Chefin Neuville, die Festplatte des Computers, der die elektronischen Voten bei der Hauptversammlung ausgewertet habe, müsse von einem Gerichtsvollzieher sicher gestellt werden. Es sei ein Informatiker zu benennen, der das Gerät und die auf ihm registrierten Vorgänge überprüfen solle.

Wo sich der Computer derzeit befindet, war gestern nicht in Erfahrung zu bringen. Doch äußerten Beobachter der Hauptversammlung Zweifel an der Manipulationsthese: Wenn tausende von Aktionären nahezu zeitgleich per Funk ihre Voten abgäben, sei die gezielte Manipulation einzelner Voten im Moment der Abstimmung schwer vorstellbar, wenngleich technisch nicht auszuschließen, meinte die Geschäftsführerin einer Firma, die in Paris Hauptversammlungen organisiert. Die vorherige Manipulation derjenigen Geräte, die für die Vertreter der Großaktionäre bestimmt seien, sei technisch möglich, aber organisatorisch kaum zu verwirklichen.

Die Kleinaktionäre ärgert indes weniger der Verdacht, dass die Voten manipuliert worden sein könnten. Vielmehr wurmt sie, dass Messier mit der Aktion vom Wochenende die Auszählung der Dividende auf unbestimmte Zeit blockiert hat. Nachdem Neuville schon die Liquidität der Gesellschaft angezweifelt hatte, will Messier die Ausschüttung von gut 1 Mrd. Euro nun auf ein Sperrkonto überweisen.

Von ANDREAS BOHNE

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