Anschläge in USA nur mit Pearl Harbor zu vergleichen
Spurensuche reicht von bin Laden bis zu Rechtsradikalen

Osama bin Laden - der Name des Moslemfundamentalisten fiel am Dienstag mehrfach, als unmittelbar nach den verheerenden Anschlägen in den USA die Suche nach den Drahtziehern begann. Sicher scheint bislang nur eins: Es waren Profis, die Flugzeuge kaperten und zahlreiche Gebäude damit fast zeitgleich angriffen.

afp BERLIN. Unter Experten gelten jedoch neben dem Staatsfeind Nummer eins der USA noch andere Personen als mögliche Täter für den schlimmsten Terrorangriff seit Menschengedenken: Einige Fachleute sehen Spuren in den Nahen Osten, andere vermuten Rechtsradikale in den USA hinter den Taten. Ein anonymer Anrufer bekannte sich im Namen der Japanischen Roten Armee zu den Anschlägen.

Zunächst hatte sich angeblich eine palästinensische Gruppe zu den Anschlägen bekannt, dies wurde aber wieder dementiert. Danach war unklar, wie ernst ein anonymer Anrufer genommen werden musste, der sich im Namen der Japanischen Roten Armee zu den Terror-Attentaten bekannte. Mit den Anschlägen sollten die Toten der US-Atombomben von Hiroshima und Nagasaki "gerächt werden", sagte der Anrufer in einem Telefongespräch mit der jordanischen Zeitschrift "El Wahdeh". Dementiert wurde auch der Verdacht gegen den Moslemextremisten Osama bin Laden. Die radikalislamischen Taliban, die den größten Teil Afghanistans kontrollieren, bestritten eine Verstrickung bin Ladens. Er gehört zu den zehn meistgesuchten Terroristen auf der Liste der US-Bundespolizei FBI. Die USA machen ihn unter anderem für die Anschläge auf US-Botschaften in Afrika verantwortlich, bei denen 1998 mehr als 200 Menschen getötet worden waren.

Für den Nordamerika-Experten Manfred Berg bedeuten die Anschläge in jedem Fall einen "tiefen Einschnitt". Er warnt zwar vor zu schnellen Schlüssen, "offenkundig" ist seiner Meinung nach jedoch, dass die Spur in den Nahen Osten führe. Es gebe kaum andere Verdächtige, die die Motivation und die logistischen Fähigkeiten hätten, sagt der Experte der Freien Universität Berlin. Eine Beteiligung der "üblichen Verdächtigen" wie Libyen, Irak oder Nordkorea hält er für eher unwahrscheinlich. Bei Libyen fehle "für eine solche Wahnsinnstat das Motiv". Der irakische Präsident Saddam Hussein habe zwar ein "Motiv und Skrupellosigkeit", auf der anderen Seite sei aber auch dies "reine Spekulation". Nordkorea sei "unvorstellbar, weil es sich in jüngster Zeit" eher auf den Westen zubewegt habe.

Die Szenen von den Freudenfeiern von Palästinensern angesichts der Anschlagsserie ließen den Verdacht auch auf radikale Palästinenser fallen. Der Vertreter der Palästinenser in Deutschland, Abdallah Frangi, bestreitet dies jedoch nachdrücklich. Er könne sagen, dass weder Palästinenser noch arabische Organisationen dahinter stecken könnten, sagt er am Abend im ZDF. Die perfekte Planung und Ausführung der Taten zeige, dass die Hintermänner "ungeheure Macht" hätten. "Wir leben in einer Welt, wo die Möglichkeiten für Terror groß sind", sagt er. Er wolle sich nicht auf mögliche Täter festlegen, aber es gebe auch Sekten in den USA, die Attentate schon begangen hätten.

Nach Ansicht des Nahost-Experten Amr Hamzawy wäre Palästinensergruppen eine solche Aktion "eine Nummer zu groß". Die Gruppen hätten keine "organisatorische Kapizität" dafür, sagt der Mitarbeiter der Arbeitsstelle Politik des Vorderen Orients an der FU Berlin. Das Freudenfest tausender Palästinenser im Westjordanland sei "zu verurteilen", aber es müsse im Kontext des gesamten Nahost-Konflikts gesehen werden, in dem die Palästinenser die USA regelmäßig auf der Seite Israels sähen. Für ihn kommen als Drahtzieher bin Laden ebenso wie rechtsradikale Gruppen in den USA in Frage.

Wenn auch für die Experten die Spuren zu den Tätern in unterschiedliche Richtungen führen, ist unter ihnen unstrittig, dass die USA die Taten hart vergelten werden. Dass die Amerikaner die Anschläge auf ihre "Nervenzentren" als "kriegerische Aktion" betrachten, ist ihnen nach Ansicht Bergs nicht zu verdenken. Schließlich sei der einzige historische angemessene Vergleich dieser Anschläge im Inneren der USA der mit Pearl Harbor: Bei einem Überraschungsangriff der Japaner auf den US-Marinestützpunkt auf Hawai starben am 7. Dezember 1941 etwa 3 500 Menschen. Diesmal müsse mit viel mehr Toten gerechnet werden, meint Berg.

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