Anschlusstechnik per Funk erweist sich als zu teuer
Arcor steigt aus dem Richtfunk-Geschäft aus

Das Telekommuniaktionsunternehmen Arcor will bis Ende des Jahres die Umstrukturierung abgeschlossen haben. Anders als vor einem halben Jahr plant Arcor-Chef Stöber keine Akquisitionen mehr.

BERLIN. Das Telekommuniaktionsunternehmen Arcor AG & Co., Eschborn, plant den Ausstieg aus der Richtfunk-Tochter Arctel. Wie Arcor-Chef Harald Stöber gegenüber dem Handelsblatt sagte, wird die Tochtergesellschaft spätestens zum 31.3.2002 aufgelöst, wenn sich bis dahin kein Kooperationspartner findet. Stöber hält dies allerdings für sehr unwahrscheinlich.

"Das Geschäft rechnet sich nicht", begründet Stöber den Ausstieg. Die Arcor-Entscheidung folgt einer Kette von Insolvenzen und Problemen mehrerer Start-up-Unternehmen, die auf die Richtfunktechnik zur Überbrückung der letzten Meile zum Kunden gesetzt hatten.

Auf direkte Telefon- und Internetanschlüsse per Richtfunk hatte vor zwei Jahren auch Viag Interkom gesetzt, die heute als BT Ignite firmiert. "Dieses Produkt hat die Hoffnungen nicht erfüllt", sagt auch dort ein Sprecher. Richtfunk stehe auf dem Prüfstand, eine Entscheidung sei bei BT Ignite aber noch nicht gefallen. Von der Arctel-Schließung sind 60 der insgesamt 8 900 Arcor-Mitarbeiter betroffen.

Weitaus schwieriger zu bewältigen ist für den zweitgrößten Festnetzanbieter hinter der Deutschen Telekom die Ausgliederung der Bahntechnik mit 3 650 Mitarbeitern in die Arcor DB Telematik GmbH sowie die Integration von Marke und Mitarbeitern von Otelo in Arcor.

Bahn gibt Vetorecht auf

An der Telematik GmbH wird Arcor 50,1 % und die Deutsche Bahn 49,9 % halten; für diese Anteile zahlt die Bahn nach Informationen von Insidern 1 Mrd. Euro an Arcor. Gleichzeitig wird die Bahn, die mit 18 % an der Arcor GmbH&Co beteiligt ist, ihr Vetorecht aufgeben. Stöber rechnet damit, dass nach der notwenigen Kartellprüfung die Umstrukturierung bis Ende Februar abgeschlossen wird. Anschließend kann Arcor in eine börsenfähige AG umgewandelt werden.

Bis Ende des Jahres soll auch die vor zwei Jahren übernommene Otelo komplett in Arcor integriert sein. Das im August angekündigte Vorgehen hat, wie die Einstellung von Arctel, betriebswirtschaftliche Gründe. Bei Arcor ist der gesamte Umsatz im ersten Halbjahr 2001 um 9 Mill. Euro auf 793 Mill. Euro gegenüber dem Vorjahr gesunken. Für das Gesamtjahr rechnet Stöber mit rückläufigen Umsätzen.

Deutlicher wird Betriebsratschef Hermann-Josef Schmidt. Er fürchtet, dass Arcor auf Druck von Vodafone im kommenden Jahr weitere Kostensenkungen wird vornehmen müssen, weil das Ergebnis im dritten Quartal weit unter dem Plan geblieben sei. "Ich fürchte, dass wir mit personellen Konsequenzen rechnen müssen", so Schmidt.

Keine weiteren Zukäufe geplant

Aus dem Umfeld von Vodafone ist zu hören, dass die Briten mit der Entwicklung von Arcor nicht zufrieden sind. Als erste Konsequenz, heißt es in informierten Kreisen, verweigerte Vodafone Arcor die geplante Übernahme der Talkline Servicenummern. Stöber begründet den Abbruch der Verhandlungen hingegen damit, dass es auch in diesem Geschäft günstiger sei, aus eigener Kraft zu wachsen.

Trotz des erwarteten Geldsegens von der Bahn plant Stöber keine Zukäufe mehr. "Der einzige Stadtnetzbetreiber, der interessant für uns wäre, steht nicht mehr zum Verkauf", bedauert Stöber. Er spielt damit auf Netcologne an, die bis Mitte des Jahres zum Verkauf stand, bis sich die Eigentümer umentschieden.

Stöber ist heute froh, dass Arcor den Richtfunk nur als Ergänzungstechnik zum Ausbau der eigenen Ortsnetze auf Mietleitungsbasis geplant hatte. "Wer allein auf Richtfunk setzte, hat es noch viel schwerer als wir", sagt er. Von den 200 Lizenzgebieten, die Arctel zunächst vom Telekom-Regulierer erhalten hatte, hat das Unternehmen lediglich 45 ausgebaut. Deren Betrieb will Arcor aufrecht erhalten. Als Ursachen für das Scheitern der Technologie sieht Stöber den starken Preisverfall, angesichts dessen diese Technologie zu teuer wurde. Außerdem kritisiert er die Lizenzbedingungen, die den Betreibern den Netzaufbau binnen 12 Monaten vorschreiben. Das allein habe die Start ups in Existenznöte gebracht, meint Stöber.

Donata Riedel ist Handelsblatt-Korrespondentin in Berlin.
Donata Riedel
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