Anspruch an Praxis-Erfahrung sinkt
MBA-Studenten werden immer jünger

Bislang war mehrjährige Berufstätigkeit Zulassungsvoraussetzung für eine gute Business School. Doch immer mehr große Namen akzeptieren auch MBA-Studenten ohne Praxiserfahrung.

Als College-Abgänger brauchst du dich an einer Business School gar nicht erst zu bewerben." Das hörte Dan Krause, College-Student im letzten Semester an der Boston University, vor einem Jahr von fast allen, die er traf. Mit seinen 21 Jahren und ohne Arbeitserfahrung in einem Vollzeitjob sei er zu jung und unerfahren für die Aufnahme an einer guten Business School, urteilten Freunde und College-Berater.

"Ich bin mit meiner Bewerbung auf großen Widerstand gestoßen", erinnert sich Krause, der einmal im Bildungsmanagement arbeiten will. Er hat sich jedoch nicht beirren lassen und es trotzdem versucht - und wurde ausgerechnet an der renommierten Stanford Business School zugelassen, einer der besten MBA-Schmieden in den Vereinigten Staaten. Kaum eine US-Universität hat so hohe Zulassungsanforderungen wie Stanford.

In der Vergangenheit suchten Business Schools in den USA und Europa vorwiegend Kandidaten mit mehrjähriger Berufserfahrung. Hinter dieser Vorgabe stand die Idee, die Studenten seien dann konzentrierter und könnten das zu Lernende auf ihre Erfahrungen im wirklichen Leben anwenden. Jetzt aber bemühen sich die Schulen um jüngere Jahrgänge: Einerseits um ihre Klassen breiter zu fächern, andererseits um Studenten direkt nach der Hochschule abzufangen, bevor sie sich im Berufsleben etablieren.

MBA-Anbieter entdecken junge Zielgruppe

"Die Business Schools waren zu starr", sagt Derrick Bolton, dem das MBA-Auswahlverfahren an Stanford unterliegt. "In den vergangenen zehn Jahren haben sie immer darauf bestanden, dass die Studenten über mehrere Jahre Berufserfahrung verfügen müssten, um in einem MBA-Program etwas beitragen zu können. Dieses Diktum kann man nicht über Nacht auslöschen."

Genau das versuchen aber heute eine Reihe der besten MBA-Programme, darunter Stanford, die Harvard Business School, die Graduate School of Business an der University of Chicago, die Anderson School an der University of California in Los Angeles und die Wharton School an der University of Pennsylvania. Einige dieser Schulen geben Marketing-Broschüren heraus und kommen zu Vorstellungsgesprächen auf den College-Campus.

Der Trend macht auch vor Europa nicht Halt. Insead zum Beispiel, eine der drei besten Business Schools in Europa, hat vor kurzem damit begonnen, seine Vertreter auf Stellenbörsen und Foren an führenden technischen Universitäten in Frankreich und in der Schweiz zu schicken. Das Institut in Fontainebleau ermutigt junge Talente, früh in ihrer Laufbahn an einen MBA zu denken.

"Es ist ein Trend, der das widerspiegelt, was sich draußen in der gesamten Geschäftswelt abspielt", sagt Johanna Hellborg, an Insead zuständig für das Aufnahmeverfahren. "Alles wird schneller. Die Erfahrung, die Leute mit 25 heute haben, ist ziemlich beeindruckend. Das war vor ein paar Jahren noch nicht so."

Havard lässt sich von Ehemaligen helfen

Stanford wirbt unterdessen an Colleges mit einem neuen Poster, auf dem zu lesen ist: "Stell dir die Stanford Graduate School of Business vor. Stell dir vor, dich als College Senior zu bewerben!" Und die Harvard Business School hat einen Prospekt für "frühe Karrieren" entworfen, in dem darauf hingewiesen wird, dass "weder Mindestalter noch Erfahrung gefordert" werden. Dann folgt eine Liste mit jungen Leistungsträgern wie Martin Luther King Jr., Michael Dell, Mozart, Bobby Fischer, Jane Austen und Steven Jobs. "Herausragende Führungspersönlichkeiten warten mit ihrer Bewerbung an der Harvard Business School oft länger als nötig", heißt es in der Broschüre.

Harvard stützt sich auch auf die Hilfe der ehemaliger Studenten. In einer E-Mail wurden die Alumni um Vorschläge gebeten, wie man "Kandidaten auf der Überholspur, die sich in einem frühen Stadium ihrer Laufbahn befinden, sowie Frauen und nicht ausreichend repräsentierte Angehörige gesellschaftlicher Minderheiten" anwerben könnte.

Einige MBA-Programme in den USA und Europa bleiben allerdings bei ihrer Tradition, nur Kandidaten mit bedeutender Arbeitserfahrung zu immatrikulieren. "Eine solide Arbeitserfahrung ist sehr wichtig", sagt Alberto Arribas, Leiter des MBA-Auswahlverfahrens am IESE, der Top-Schule in Barcelona. Hier sind die MBA-Studenten durchschnittlich 37 Jahre alt. "Es gibt keine magische Alterszahl für Erfahrung, aber ein Minimum von zwei Jahren wäre schon gut."

Mindestmaß an Praxis-Erfahrung bleibt aber Pflicht

Die Kellog School of Management an der Northwestern University in Chicago zieht ebenfalls erfahrene Manager vor. "An Kellog wünschen wir uns im Schnitt fünf Jahre Berufserfahrung. Und die meisten unserer Studenten sind etwa 28 Jahre alt", berichtet PR-Direktor Richard Honack. Kellog ist mit dieser Maßgabe offenkundig nicht schlecht gefahren, gehört sie doch auf allen maßgeblichen Ranglisten zu den Top-Schulen.

Aber auch die Business Schools, die nach jüngeren Studenten suchen, betonen, dass die Bewerber zumindest ein gewisses Maß an Arbeitserfahrung vorweisen sollten, sei es in Praktika oder durch Studentenjobs, so dass die Diskussionen im Unterricht gehaltvoller ausfallen.

"Technisch gesehen habe ich keine Erfahrung aus einem Vollzeitjob", gesteht der 23-jährige Steve Lin, Student im zweiten Jahr an der Business School in Stanford, der dort direkt nach dem Absolvieren eines Maschinenbau-Colleges in Golden, im US-Bundesstaat Colorado, akzeptiert wurde. Aber Lin hat bei der Raumfahrt-Tochter von Lockheed Martin ein Praktikum absolviert, wo er beim Entwurf von Raumfahrzeugen assistiert hat.

"Ich bin in der Lage, genau so viel Einblick und Gründlichkeit in Fallstudien einzubringen wie der erfahrenste Manager", behauptet der junge MBA-Student. "Und der Vorteil eines MBA-Studiums ist gerade die Vielfalt der Leute - ob vom Alter her, der Nationalität oder anderem."

Sollte sich diese neue Haltung der Business Schools als Trend herausstellen, wäre es paradoxerweise nur eine Rückkehr zu der Situation Anfang der 80er Jahre. Denn wie eine Analyse des Graduate Management Admission Council (GMAC) zeigt, waren vor zwanzig Jahren die MBA-Bewerber, die den GMAT, den gefürchteten Zulassungstest zu den meisten Business Schools, ablegten, im Durchschnitt gerade einmal 22 bis 23 Jahre alt. Im akademischen Jahr 2000/2001 hingegen lag der Altersschnitt der Kandidaten zwischen 28 und 30 Jahren.

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