Anstehende Integration in Freihandelszone FTAA wird Übernahmen beschleunigen
Auf Lateinamerikas Konzerne rollt eine Fusionswelle zu

Die Krise in Argentinien hat den Ausverkauf staatlicher Unternehmen vorangetrieben. Und die verbliebenen Konzerne haben so hohe Dollar-Schulden und so geringe Einnahmen, dass ihre Übernahme nur eine Frage der Zeit ist. Allein Mexico profitiert von seinem Beitritt in die Nafta und hat sogar Brasilien beim BIP überholt.

abu HB SÃO PAULO. Die Wirtschaft stagniert seit vier Jahren, der Peso hat seit Jahresbeginn zwei Drittel verloren, das Finanzsystem ist gelähmt, die Inflation legt schnell zu - an Argentiniens Unternehmen lässt sich die Krise, die das einst reiche Pampaland durchmacht, deutlich ablesen. Inzwischen gibt es kaum noch Großunternehmen argentinischen Kapitals. Bei den Unternehmen, die nicht bereits in den neunziger Jahren von europäischen und US-Konzernen übernommen wurden, steigen jetzt brasilianische Konzerne ein.

Erst in den letzten Wochen kaufte der staatliche Ölkonzern Petrobrás den Konkurrenten Perez Companc. Kurz zuvor hatte die brasilianische Brauerei AmBev mit dem argentinischen Marktführer Quilmes fusioniert. Die restlichen Großkonzerne wie etwa der Grupo Clarín, vor der Krise eine der größten Mediengruppen Lateinamerikas, oder der Stahlhersteller Acindar haben so hohe Dollarschulden und schrumpfende Peso-Einnahmen, dass ihre Übernahme oder Zerschlagung nur noch eine Frage der Zeit ist.

"Die Unternehmen Argentiniens stehen vor einer kompletten Entnationalisierung", sagt Rafael Ber, von Argentine Research. Und neben dem Ausverkauf der argentinischen Industrie haben die Länder der traditionell drittwichtigsten Volkswirtschaft Lateinamerikas hinter Brasilien und Mexico mehr und mehr an Bedeutung verloren. Inzwischen gibt es unter den 50 größten Konzernen Lateinamerikas nur noch einen argentinischen Konzern - und selbst beim Ölkonzern YPF-Repsol haben mittlerweile die Spanier das Sagen. Die Zukunft sieht düster aus: Chancen haben in Argentinien nur Unternehmen, die von den natürlichen Ressourcen des Landes profitieren, also Landwirtschaft, Öl- und Gas, Petrochemie und die Stahlindustrie.

Ganz anders das Bild dagegen in Mexiko

Seit das Land 1994 den Eintritt in die Nafta mit den USA und Kanada vollzog, hat Mexiko im vergangenen Jahr mit seinem BIP erstmals Brasilien überholt. Auch die mexikanischen Unternehmen profitierten stark von dem verbesserten Marktzugang nach Norden und der Stabilität im Land: Unter den 500 größten Firmen der Region erwirtschafteten die mexikanischen Konzerne im vergangenen Jahr mehr als die Hälfte (55 %) der Gesamtumsätze. In diesem Jahr wird die Vormachtstellung von Mexikos Unternehmen in der Region stark weiter wachsen, weil der mexikanische Peso im Vergleich zu den Währungen Brasiliens, Venezuelas oder Argentiniens kaum verloren hat.

Zahlreiche Unternehmen Mexikos sind die wichtigsten ihrer Branchen in Lateinamerika und haben Chancen künftig in der Weltliga mit zu spielen. Der größte Konzern Lateinamerikas ist der staatliche Ölkonzern Pemex. Der weltweit drittgrößte Zementhersteller ist Cemex. Grupo Bimbo ist der weltgrößte Bäcker und Walmex, die mexikanische Filiale von Wal-Mart, ist heute die größte Supermarktkette in ganz Lateinamerika.

Auch für die Autokonzerne und Zulieferer gewinnt Mexiko - wegen seiner Nähe zum US-Markt - als Exportstandort zunehmend an Bedeutung. Die Automobilhersteller General Motors, Volkswagen, Daimler-Chrysler, Ford oder auch der Auto-Zulieferer Delphi haben inzwischen in Mexiko und nicht mehr in Brasilien ihre wichtigsten Standorte in Lateinamerika.

Ansonsten haben sich die lateinamerikanischen Konzerne in den Krisenjahren seit 1997 wieder zurück entwickelt - auf den Platz, den sie traditionell seit Jahrhunderten in der Weltwirtschaft einnehmen: Die größten Unternehmen der Region sind Rohstofflieferanten für die Industrieländer, meist in staatlicher Hand. Öl- und Gaskonzerne führen die Unternehmenslisten an in Venezuela (PdVSA), Kolumbien (Ecopetrol), Ecuador (Petroecuador), Brasilien (Petrobras) und Peru (Petroperu).

Die größten Rohstoffkonzerne kommen aus Lateinamerika

Bei einigen Rohstoffen sind die Unternehmen Lateinamerikas gar die größten weltweit: So etwa Chiles Kupferhersteller Codelco, Brasiliens Eisenerzexporteur Companhia Vale do Rio Doce (CVRD) oder die brasilianische Bunge-Gruppe bei Soja. Bei zahlreichen Metallen sind peruanische, chilenische und brasilianische Konzerne führend auf dem Weltmarkt - von Silber über Zink bis zum Sondermetall Niob.

Mehr als fraglich ist, ob die vielen noch lokal kontrollierten Konzerne die 1997 begonnene Krise überstehen werden - denn an den reduzierten Auslandsinvestitionen und geschlossenen Märkten im Norden wird sich so bald nichts ändern. Betroffen sind vor allem der lokal dominierte Einzelhandel, Lebensmittel und Getränke, aber auch Stahl, Bau, Papier und Zellulose, Transport (vor allem Fluggesellschaften) und Medien - in allen Branchen steht eine gewaltige Fusions- und Übernahmewelle bevor. Die anstehenden Integration der Region in die Amerikanische Freihandelszone (FTAA) zwischen Alaska und Feuerland bis 2005 wird diesen Prozess noch beschleunigen.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%