Antenne aus altem Ölfass
Afghanen graben Fernsehgeräte wieder aus

Es ist ein spannender Moment für Humajun Mohammed. Er reißt einige Holzdielen aus dem Boden seines Wohnzimmers in der afghanischen Hauptstadt Kabul und holt das vor Jahren vor den Taliban versteckte Fernsehgerät hervor.

dpa KABUL. Es hat sich eine dicke Staubschicht angesammelt, die Mohammed erst mal sorgfältig abwischt. Dann schließt er den Apparat an das Stromnetz an und drückt den Einschaltknopf. Es ist nur ein schwarz-weißes Flimmern zu sehen und ein Rauschen zu hören, aber Mohammed jubelt - das Gerät funktioniert noch.

Die Taliban legten den Islam so aus, dass keinerlei Bilder erlaubt waren. Also verboten sie das Fernsehen. Aber auch weltliche Musik war nicht erlaubt. Trotzdem hörten und sahen die Menschen auch in den vergangenen Jahren eingeschmuggelte Cassetten und Videos - auf die Gefahr hin, dass sie öffentlich verprügelt wurden. Nun ist das vorbei, selbst die ersten Kinos in Kabul haben schon geöffnet.

Dass Mohammed kein Bild und keinen Ton hat liegt zum einen daran, dass das staatliche Fernsehen, das gerade seine Arbeit wieder aufgenommen hat, erst abends mit seinem Programm beginnt. Vor allem aber fehlt Mohammed eine wichtige Kleinigkeit: "Ich habe keine Antenne mehr", sagt er. Also macht er sich sofort auf in die Dschadi Nadir Paschtun-Straße. Dort reiht sich ein Elektrogeschäft ans andere, und Antennen sind im Moment der Renner.

Sie werden nicht etwa importiert. "Das wäre viel zu teuer", sagt Abdul Sarfaras, einer der Händler. Im Hinterzimmer sind mehrere Arbeiter damit beschäftigt, aus Blechrohren und Draht Antennen zusammenzulöten. Die Modelle gleichen denen, die in Deutschland vor dem Einzug des Kabelfernsehens auf allen Dächern angebracht waren. Mohammed lässt sich beraten. Bei den größeren Fabrikaten sei das Bild besser, sagt der Händler, aber die sind auch teurer.

Mohammed entscheidet sich für eine mittlere Größe und kauft das zugehörige Kabel. Ob er nicht auch Satellitenfernsehen schauen möchte, fragt der Händler. Doch, sagt Mohammed, aber dafür bräuchte er wohl eine der großen Schüsseln. Auch die werden in Eigenarbeit gefertigt, aus dem Blech von alten Ölfässern.

Das teure ist der Receiver. Manche Leute haben ihn noch aus besseren Zeiten. Andere erstehen gebrauchte Geräte, von Familien, die alles verkaufen müssen, um überhaupt noch genug Geld fürs Essen zu haben. Das gilt auch für Fernsehgeräte und Radios. Jahrelang waren sie wertlos. Nun gibt es wieder einen Markt, und viele graben die Unterhaltungselektronik nur aus, um sie zu Geld zu machen und für ein paar Wochen die viel zu niedrigen Familieneinkommen aufbessern zu können. Mohammed bleibt bei seiner Draht- und Blechantenne.

Fotoreporter und Kameraleute aus dem Westen halten das Treiben in der Fernseh- und Antennenstraße fest. Khalid (22) pöbelt sie an, er ist wütend. Nicht etwa, weil er ein Taliban-Anhänger wäre und gegen die Bilder ist. "Aber ihr macht die Aufnahmen doch nur, um der Welt zu zeigen, dass wir Afghanen in all unserem Elend nichts besseres zu tun haben als erst mal unsere Fernsehgeräte wieder in Gang zu bringen", sagt er.

Mohammed widerspricht: "Ein bisschen Freude gehört auch zum Leben", sagt er. Er kam auf die Idee, sein Gerät hervorzuholen, nachdem er bei einem Freund seinen ersten Fernsehabend verbracht hatte. In einem Satellitensender lief ein Film aus dem Westen, in dem Agenten Terroristen jagten. "Sehr interessant", sagt Mohammed.

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