Anthrax: Die Angst vor der schleichenden Eskalation
Die zweite Front

Schatten der Angst legen sich auf eine Gesellschaft, die traditionellerweise auf der Spaßwelle tickt.

Die amerikanischen Behörden stochern bei den Ermittlungen nach wie vor im Nebel. Sie haben die Gefahren am Anfang sträflich unterschätzt. Als in der vergangenen Woche die Bürogebäude des Kongresses geräumt wurden, hieß es bei der Post "business as usual".

Jetzt musste der zuständige Minister einräumen: Es gebe keine Garantie, dass nicht auch normale Briefe tödliche Anthrax-Sporen verbreiten könnten. Immer mehr verdichtet sich, dass hinter den Anschlägen ein bioterroristisches Experten-Hirn steckt. Die Angriffe weisen allesamt ein technisches und psychologisches Raffinement auf, über das ein Durchschnittstäter nicht verfügen kann. Die öffentlichen US-Stellen geben nur scheibchenweise ihre neuen Erkenntnisse preis. Dahinter verbirgt sich jedoch Ohnmacht, die im Gegensatz zu den aktionistischen Sonntagsreden vieler Politiker steht.

Die Wahrheit ist: Die Supermacht Amerika, die noch vor wenigen Monaten in den Wolken unilateralisti-scher Glückseligkeit schwelgte, steht den neuen Gefahren des Bioterrors völlig unvorbereitet gegenüber. Impfstoffe und Medikamente fehlen an allen Eckern und Enden. Die Regierung muss die Bevölkerung mental auf diese zweite Front einstellen. Allzu oft agiert sie noch in den alten Reflexe eines Machbarkeitswahns. Das Ergebnis sind Verdrängung, Frust und Hysterie.

Michael Backfisch
Michael Backfisch
Handelsblatt / Korrespondent
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