Anti-Terror-Koalition muss sich vor der Eskalationsfalle in Acht nehmen
Kommentar: Gefahr eines Flächenbrandes

Im Kampf gegen den Terror zeichnet sich immer deutlicher eine zweite Front ab. Während amerikanische und britische Truppen die Lufthoheit über Afghanistan erringen, ist ein weltweiter Kampf um die Köpfe entbrannt. In diesem Kampf stehen der britische Premier Tony Blair und der mutmaßliche Ober-Terrorist Osama bin Laden an vorderster Front.

Im Kampf gegen den Terror zeichnet sich immer deutlicher eine zweite Front ab. Während amerikanische und britische Truppen die Lufthoheit über Afghanistan erringen, ist ein weltweiter Kampf um die Köpfe entbrannt. In diesem Kampf stehen der britische Premier Tony Blair und der mutmaßliche Ober-Terrorist Osama bin Laden an vorderster Front. Blair versucht, mit diplomatischen Offensiven die Wogen in den islamischen Staaten zu glätten. Derweil gießt bin Laden mit seinen geschickt lancierten Videokassetten bewusst Öl ins Feuer.

Leider spricht vieles dafür, dass bin Ladens Taktik im Propagandakrieg aufgehen könnte. In Pakistan, aber auch in Palästina, Saudi-Arabien und auf den Philippinen wächst der ohnehin schon weit verbreitete Antiamerikanismus in beängstigendem Ausmaß. Derweil muss sich Blair in Saudi-Arabien eine Abfuhr erteilen lassen: König Fahd wagt es angesichts der angespannten, von antiwestlichen Anschlägen geprägten Stimmung derzeit nicht, den britischen Premier zu empfangen.

Dies ist umso beunruhigender, als Saudi-Arabien eine Schlüsselrolle im aktuellen Konflikt spielt. Viele Experten gehen davon aus, dass die Destabilisierung Saudi-Arabiens das eigentliche Ziel bin Ladens ist. Der gebürtige Saudi kämpft seit jeher gegen die in seinen Augen korrupte Monarchie am Golf. Seit dem Golfkrieg macht bin Laden zudem gegen die amerikanische Truppenpräsenz in Saudi-Arabien mobil. Vieles spricht dafür, dass die Terrorakte in New York und Washington den Regimegegnern in Riad beweisen sollten, dass die USA verletzbar sind - und eines nicht allzu fernen Tages aus Saudi-Arabien vertrieben werden können.

Als fatale Falle für den Westen könnte sich auch der Irak erweisen. Auch hier ist es das Erbe des Golfkrieges, das die Gemüter erhitzt. Die Uno-Sanktionen gegen Bagdad, die vor allem die Zivilbevölkerung treffen, und die regelmäßigen Bombardements durch Amerikaner und Briten mobilisieren die islamische Welt gegen den Westen, auch wenn Präsident Saddam Hussein mit dem radikalen Islamismus nichts zu schaffen hat. Angebliche Kontakte des irakischen Geheimdienstes mit den Attentätern von New York wiederum könnten die USA bewegen, den Anti-Terror-Kampf auf den Irak auszuweiten. Zwar versucht der britische Premier Blair auch hier, die Wogen zu glätten: Es lägen keine Beweise für eine Verwicklung des Iraks in die Terroranschläge vom 11. September vor. Ein Brief aus Bagdad an die US-Regierung zeigt jedoch, dass sich die irakische Regierung vor amerikanischen Vergeltungsschlägen fürchtet.

Eine weitere Front im Propagandakrieg liegt in den palästinensischen Gebieten. Im Nahen Osten ist die Situation besonders explosiv, wie die Ausschreitungen zwischen radikalen Hamas-Anhängern und palästinensischen Polizeikräften zeigen. Auch im Nahen Osten scheint bin Ladens durchsichtiger und opportunistischer Versuch, sich zum Vorkämpfer der Palästinenser aufzuspielen, zumindest bei den Gegnern von Palästinenserführer Jassir Arafat zu verfangen. Demgegenüber zeigen die jüngsten Versprechen des Westens, eine Lösung des Nahostkonflikts zu suchen, bislang keine Wirkung.

Die Gefahr eines Flächenbrands ist vor diesem Hintergrund nicht von der Hand zu weisen. Sollte der Krieg in Afghanistan an Schärfe zunehmen und weitere zivile Opfer fordern, könnte der Funke in andere islamische Staaten überspringen. Schon die kaum zu verifizierenden Berichte vom Donnerstag über mehr als 100 Todesopfer, Angriffe auf Moscheen oder die Verwendung von Streubomben liefern bin Laden und seiner Terrororganisation El Kaida willkommene Vorwände für den "Heiligen Krieg". Nicht wir, sondern die Amerikaner sind die wahren Terroristen, heißt das fatale Propaganda-Argument.

Wenn der Westen der Eskalationsfalle ausweichen will, wird er sich schleunigst etwas anderes einfallen lassen müssen als die allzu simple Mischung aus Bomben und Brot. Zunächst gilt es, alles zu tun, um eine Ausweitung des Konfliktes auf die Sollbruchstellen im Nahen Osten, in Saudi-Arabien und im Irak zu verhindern. Hier muss man vor allem auf den mäßigenden Einfluss Tony Blairs auf seinen Freund George W. Bush hoffen.

Darüber hinaus muss die ohnehin brüchige Anti-Terror-Koalition gefestigt werden. Die an ihr beteiligten arabischen Staaten fordern zu Recht stichhaltige Beweise für die Schuld bin Ladens. Auch ihre Forderung nach Schonung der Zivilbevölkerung ist ernst zu nehmen. Vor allem aber müssen Amerikaner und Briten ihre politische und humanitäre Strategie im Kampf gegen den Terror offen legen. Auf Dauer kann es nicht gut gehen, dass weder die amerikanischen Vorposten am Golf noch die Nato-Staaten wissen, auf welches Abenteuer sie sich einlassen. Nur eine klare Perspektive macht den Kampf um die Köpfe gewinnbar.

Amerikaner und Briten sollten ihre Strategie offen legen.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%