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Anti-Terror-Kundgebungen in Russland

Nach dem Blutbad von Beslan mit weit über 300 Toten sind am Dienstag in ganz Russland Hunderttausende von Menschen aus Protest gegen den Terrorismus auf die Straße gegangen.

dpa MOSKAU. Nach dem Blutbad von Beslan mit weit über 300 Toten sind am Dienstag in ganz Russland Hunderttausende von Menschen aus Protest gegen den Terrorismus auf die Straße gegangen.

Präsident Wladimir Putin sprach sich unterdessen gegen eine öffentliche Untersuchung des Geiseldramas im Nord-Kaukasus aus. Gleichzeitig lehnte er Verhandlungen mit tschetschenischen Rebellen ab, die nach Ansicht Moskaus für die Tat von Beslan verantwortlich sind. Mit "Kindermördern" rede er nicht. Am frühen Abend sagte Putin seinen für Freitag und Samstag geplanten Deutschland-Besuch ab.

Bei den Kundgebungen am zweiten Tag der offiziellen Staatstrauer kamen allein in Moskau rund 130 000 Menschen zu einer von den Gewerkschaften organisierten Großdemonstration unter dem Motto "Russland gegen den Terror" zusammen. "Mit Terroristen nur mit Kugeln verhandeln" oder "Gegen Kinder kämpfen nur Schufte und Feiglinge" stand auf den Spruchbändern. Zum Abschluss der Veranstaltung wurde Putin aufgefordert, "alles Nötige und Mögliche zu unternehmen", um den Terrorismus im Land effektiver zu bekämpfen. Der Terrorismus müsse "in die Knie gezwungen und vernichtet werden".

In Berlin gedachte der Bundestag der Opfer des Geiseldramas von Beslan. Den Menschen in dem ossetischen Ort sei "unvorstellbares Leid" geschehen, sagte Bundestagspräsident Wolfgang Thierse. Er sprach den Angehörigen der Opfer "das tiefe Mitgefühl" des Deutschen Bundestages und der Bürger in Deutschland aus.

Putin besuchte am frühen Abend einen Gedenkgottesdienst für die Geiselopfer in der Kirche der Heiligen Dreifaltigkeit in Moskau. Nach seiner Ankunft in dem Gotteshaus unweit der Lomonossow-Universität zündete er nach orthodoxem Brauch vier Kerzen für die Toten an.

Nach offiziellen Angaben starben 335 Geiseln. Von ihnen waren bis Dienstag 213 von ihren Angehörigen identifiziert worden. Insgesamt waren bei dem Geiseldrama in der Schule "Nr. 1" in der Kleinstadt 705 Menschen verletzt worden, darunter 307 Kinder. Rund 400 Opfer wurden am Dienstag noch in Krankenhäusern behandelt, davon 222 Kinder.

Putin kündigte eine interne Aufarbeitung der Tragödie an. Wenn das Parlament ebenfalls eine Untersuchungskommission einrichten wolle, habe er nichts dagegen, solange keine "Politshow" daraus werde, zitierte ihn die britische Zeitung "The Guardian". Jene, die Russland zu Gesprächen mit den Rebellen aufriefen, hätten kein Gewissen, sagte Putin am Montagabend vor ausländischen Korrespondenten. "Warum treffen Sie nicht Osama bin Laden, laden ihn nach Brüssel ein oder ins Weiße Haus und verhandeln mit ihm, fragen ihn, was er will und geben ihm alles, so dass er Sie in Ruhe lässt?", sagte Putin dabei laut "Guardian". "Niemand hat das moralische Recht, uns zu sagen, wir sollen mit Kindermördern reden."

Für Aufsehen sorgte die Entlassung des Chefredakteurs der Zeitung "Iswestija", Raf Schakirow. Das Blatt hatte am Wochenende kritisch und provozierend über den Einsatz der Sicherheitskräfte berichtet. Unklar war, wer hinter der Entlassung stand.

In einem Bericht des russischen Staatsfernsehens bestätigte ein festgenommener Geiselnehmer die Version des Kremls zu den Hintergründen des Dramas. Auftraggeber seien der tschetschenische Ex- Präsident Aslan Maschadow und der Topterrorist Schamil Bassajew gewesen, sagte der Geiselnehmer. Man habe mit der Bluttat den Tschetschenien-Konflikt auf den gesamten Nordkaukasus ausweiten wollen, sagte der aus Tschetschenien stammende Mann.

Knapp zwei Wochen nach den Bombenanschlägen auf zwei russische Passagierflugzeuge, bei denen zusammen 90 Menschen ums Leben gekommen waren, nahmen die russischen Behörden unterdessen zwei Verdächtige fest. Das berichtete die Nachrichtenagentur Interfax. Einer der Beiden habe am Flughafen Domodedowo, von dem die beiden Maschinen am 24. August gestartet waren, seinen Lebensunterhalt mit dem Verkauf überteuerter Flugkarten verdient.

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