Antisemitismus-Debatte
Kommentar: Brandstifter

Sie sind ungewöhnliche Weggefährten. Was haben Michel Friedman, Jürgen Möllemann und Frank Schirrmacher bei allen zwischen ihnen bestehenden Unterschieden gemein? Der stellvertretende Vorsitzende des Zentralrates der deutschen Juden, der stellvertretende Vorsitzende der FDP und der Mitherausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung benutzen die fragile Lage im Nahen Osten und die historisch bedingten Sensibilitäten in diesem Land als Fundament für persönliche Profilierung.

Sie schielen in nahezu suchtartigem Verhalten nach der Aufmerksamkeit der Medien, nach höheren Einschaltquoten, besseren Wahlergebnissen und höheren Auflagen. Sie tun dies in einer Situation, in der allein konstruktive Vorschläge und sachdienliche Kritik gefragt sind. Sie beschädigen dabei die Institutionen und Unternehmen, in denen sie wirken, und die Sache, für die sie eintreten. In ihrer Egomanie nehmen sie Schäden an der gesellschaftlichen Verfasstheit dieses Landes billigend, fast fahrlässig in Kauf.

Sie sind Brandstifter.

Sie spielen - jeder auf seine ganz eigene Art und Weise - mit dem Feuer des Antisemitismus, also der feindlichen, auf Vernichtung ausgerichteten Haltung gegen das Judentum. Sie gehören zum Kreis jener immer gleichen Gesichter, die immer wieder neue "Skandale" oder "Verfehlungen" so lange medial diskutieren ohne Lösungen anbieten zu wollen oder zu können, bis das Publikum sich gelangweilt oder - wie in diesem Falle - angewidert abwendet. Was diese Debatte von jenen über Lebensmittelskandale oder Schmiergeldaffären unterscheidet, ist die ungleich höhere Sprengkraft, die in diesem Thema steckt. Gleichwohl: Die Akteure zündeln egoistisch weiter als würden sie die Gefährdungslage nicht kennen.

Mehr als 50 Jahre nach dem Ende des Holocaust sind die Bürger dieses Land in ihrer überwältigen Mehrheit nicht antisemitisch. Das gilt gleichermaßen für die FDP und bei aller Kritik an Detail und Stil auch für Möllemann und den Schriftsteller Martin Walser. Diese Gesellschaft ist nicht antisemitisch - aber sie hat auch noch keine unbefangene, die Geschichte würdigende und die daraus resultierende Verantwortung im Blick haltende Umgangsweise mit den deutschen Juden und dem israelischen Staat gefunden. Die aktuelle, als Diskussion deklarierte, Schlammschlacht wird diese so dringend gebotene Fortentwicklung eher behindern denn fördern. Diesen Vorwurf muss sich am Ende auch der Zentralrat der Juden machen lassen, der seinen stellvertretenden Vorsitzenden in einer Art und Weise agieren lies, die der Versöhnung ebenso wenig hilft, wie die Äußerungen von Herrn Möllemann. Versöhnung und Verständigung kann nur gelingen, wenn beide Seiten auf einander zugehen.

Die Kombattanten dieses unsäglichen Spektakels sind nun aufgefordert, verbal abzurüsten, diese Wunden schlagende Auseinandersetzung zu beenden und die gebotene Gelassenheit walten zu lassen. Die Protagonisten hier zu Lande können dabei nur von der Gelassenheit in der Auseinandersetzung in den Vereinigten Staaten lernen. Dort wird die Politik von Premier Scharon heiß diskutiert (also auch abgelehnt). Der Vorwurf des Antisemitismus schimmert nicht einmal in den hitzigsten Diskursen durch.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%