Antiterrorpaket für Flug- und Seeverkehr
Putin tritt in den Club der Großen ein

Für Russland beginnt im Kreis der führenden Industrienationen (G8) eine neue Ära. Flankiert von einem 20 Mrd. ? schweren Programm zur Entsorgung von radioaktivem Müll aus Atomwaffen hat Präsident Putin die Vollmitgliedschaft seines Landes in der Runde erreicht. Dafür machte sich vor allem US-Präsident Bush stark.

KANANASKIS. Es war die große Stunde des Wladimir Putin. Jahrelang hatte sich der russische Präsident für eine Integration seines Landes in den Westen stark gemacht - und dafür zu Hause in Moskau immer wieder heftige Prügel bezogen. Beim G8-Gipfel der industrialisierten Staaten im kanadischen Rocky-Mountains-Nest Kananaskis wurde Putin nun für seine Hartnäckigkeit belohnt. Im Jahr 2006 übernimmt Russland die Präsidentschaft über den G8-Gipfel und erhält damit die Voll-Mitgliedschaft im Nobelklub der Reichen und Mächtigen.

Darüber hinaus darf sich der Kremlchef über eine Finanzspritze von 20 Mrd. $ für die Beseitigung von Nuklearschrott aus der Sowjet-Ära freuen. Allein 200 ausrangierte Atom-U-Boote rosten zurzeit auf verschiedenen Gewässern vor sich hin. 10 Mrd. $ wollen die Amerikaner zur Entsorgung beisteuern, die andere Hälfte verteilt sich auf die restlichen G7-Länder. Die Bundesrepublik ist mit 1,5 Mrd. $ dabei.

Zur Begründung der russischen Vollmitgliedschaft erklärten die G8: "Die Welt ändert sich, und Russland hat sein Potenzial unter Beweis gestellt, dass es eine vollwertige und gewichtige Rolle beim Herangehen an die vor uns stehenden globalen Probleme spielen kann." Durch die Vergabe des G8-Vorsitzes an Russland im Jahr 2006 verzichte Deutschland auf sein turnusmäßiges Recht und werde dadurch erst 2007 Gastgeber des folgenden Gipfels. 2003 übernimmt Frankreich den G8-Vorsitz. Russland richtet im Mai 2003 einen Sondergipfel der G8 in Sankt Petersburg aus - der Heimatstadt Putins.

Der russische Präsident zeigte sich denn auch äußerst zufrieden mit dem Ergebnis. "Dies ist ein gutes Zeichen", sagte er in dem Ferienort in den Rocky Mountains. "Russlands Rolle wächst, und, was am wichtigsten ist, es ändert sich die Qualität unserer Beziehungen zu den führenden Industrienationen der Welt." In der Delegation von Bundeskanzler Gerhard Schröder hieß es: "Dies war die Logik der Entwicklung." US-Präsident George W. Bush und Schröder seien sich über die Vollmitgliedschaft einig gewesen. Dieser "plausiblen Entscheidung" hätten sich die übrigen Gipfelteilnehmer umgehend angeschlossen.

So viel Einigkeit kann indes nicht darüber hinwegtäuschen, dass das Drehbuch für die internationale Aufwertung der abgetakelten Supermacht Russland nicht in den Rocky Mountains, sondern in Washington geschrieben wurde. US-Präsident George W. Bush umwarb Putin massiv als wichtigen Partner im Kampf gegen den Terror. Vergessen waren die harschen Töne zu Beginn seiner Amtszeit, als er die Moskauer Regierung ein ums andere Mal vor den Kopf stieß.

Bush gelang es in Kananaskis zudem, den Anti-Terror-Krieg zum zentralen Thema zu machen. So verständigten sich die G8-Staaten auf verschärfte Kontrollen von Land-, See- und Flugreisen. Dabei soll es bereits im Vorfeld zum Austausch von Informationen kommen, um die Maschen für potenzielle Attentäter möglichst dicht zu machen. Ab 2005 sind gemeinsame Standards für elektronische Zolldaten geplant.

In der Nahost-Politik setzte der US-Präsident seinen Kurs ebenfalls weitgehend durch. Kurz nach Bushs Grundsatz-Rede am vergangenen Montag legten die Europäer einen bemerkenswerten Eiertanz hin. Zwar sei es zu begrüßen, dass sich Bush für die Errichtung eines "lebensfähigen Palästinenserstaates" engagiere, hieß es in den Regierungszentralen von Berlin, Paris und London. Doch die indirekte Forderung nach einer Abwahl von PLO-Chef Jassir Arafat sei anmaßend. Vor allem Frankreichs Präsident Jacques Chirac und Kanadas Premier Jean Chrétien machten deutlich, dass die Welt an Arafat als gewähltem Führer der Palästinenser festhalten solle. Zudem beharrten die Europäer auf einer internationalen Nahost-Konferenz, die Bush zuletzt von seinem Prioritätenkatalog gestrichen hatte.

Michael Backfisch
Michael Backfisch
Handelsblatt / Korrespondent
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%