Antwort auf die "Achse der Wiesel"
US-Patrioten ziehen gegen deutsche Produkte zu Felde

Vor allem im Internet wird in den USA zum Boykott deutscher und französischer Waren aufgerufen, da die Regierungen beider Länder sich nicht am Krieg gegen den Irak beteiligen. Doch - ob Porsche, Adidas, Nivea oder Beck's Bier: Die Hersteller typisch deutscher Exportartikel spüren nach eigenen Angaben bisher keine Ablehnung durch die amerikanischen Verbraucher.

Reuters FRANKFURT. Als "Amerikanische Antwort auf die Achse der Wiesel" wird auf der Internetseite "GermanyStinks" ("Deutschland stinkt") geraten, keine deutschen Autos mehr zu fahren und französischen Wein zu meiden. In Amerika werden Petzen oder Verräter als Wiesel bezeichnet, und das Wortspiel "Axis of Weasels" zielt auf den deutsch-französischen Widerstand gegen den Irak-Krieg ab, nachdem die US-Regierung die Länder Irak, Iran und Nordkorea "Achse des Bösen" nannte. Ultrakonservative Verbände wie "Citizens United" oder patriotische Medien wie das Online-Blatt "NewsMax" werfen Deutschen und Franzosen unter Verweis auf die US-Hilfen nach dem Zweiten Weltkrieg Undankbarkeit vor, da sie sich nun nicht am Feldzug gegen Saddam Hussein beteiligen. "Als Amerikaner sollten wir den Deutschen und Franzosen ihre Illoyalität mit dem Boykott ihrer Waren heimzahlen", heißt es.

Auch einige US-Politiker tun sich mit Forderungen wie etwa nach der Umbenennung von "French Fries" in "Freedom Fries" (Freiheitsfritten) hervor. Und angeblich überprüft das US-Verteidigungsministerium derzeit, ob es für seinen Anstrich weiterhin die Farbe eines deutschen Herstellers oder doch lieber ein amerikanisches Produkt verwenden soll. "Das ist nur Show", meint der Präsident der amerikanischen Handelskammer in Deutschland (AmCham), Fred Irwin. Etwas kritischer sieht es der Bundesverband des deutschen Groß- und Außenhandels (BGA): "Das Thema Boykott ist ernst zu nehmen, aber mit Sicherheit bisher noch nicht wirklich störend", urteilte BGA-Chef Anton Börner.

Immerhin geht es bei den deutsch-amerikanischen Handelsbeziehungen um ein gigantisches Geschäft: Auf rund 67 Mrd. ? beliefen sich vergangenes Jahr die deutschen Ausfuhren nach Amerika, während die US-Importe knapp 40 Mrd. ? betrugen. Insofern warnen Branchenverbände auch zusehends vor einer schädlichen Eintrübung der transatlantischen Wirtschaftsbeziehungen. "Das Umfeld ist schwieriger geworden für die Verhandlungen, das Klima ist gestört", so BGA-Chef Börner.

"Kunden können differenzieren"

Wie die Aufrufe in Deutschland zum Boykott amerikanischer sind die Kampagnen in den USA gegen deutsche Waren und Firmen jedoch wohl eher nur Randerscheinungen: "Wir spüren keine Absatzschwierigkeiten auf Grund des angespannten deutsch-amerikanischen Verhältnisses", sagte ein Sprecher des Sportwagenherstellers Porsche. "Unsere Kunden in Amerika wissen in dieser Sache grundsätzlich zu unterscheiden." Ähnliches war bei BMW zu vernehmen: "Noch am Wochenende hatten wir einen hervorragenden Besuch unserer Show-Rooms in den USA", betonte eine Sprecherin des Münchener Autobauers.

Auch bei Hugo Boss oder Adidas-Salomon - deren Namen auf den Boykott-Listen ebenso auftauchen wie Haribo, Lufthansa, Tchibo, Rodenstock, Ferrero, Bertelsmann, Steiff, Birkenstock, Osram, Solingen-Messer, Deutsche Bank oder Aldi - hat man bisher nicht vernommen, in den USA gemieden zu werden. Branchenbeobachter nehmen das Thema Boykott gar nicht erst ernst: "Ich würde sagen, dass die ganze Sache in Deutschland aufgebauscht wird", urteilt Analyst Roger Entner von der Bostoner Yankee Group, der auch die Telekom-Tochter T-Mobile betreut. "Die meisten Leute hier interessiert die Sache eigentlich nicht so sehr."

Kein nachhaltiger Schaden für "Made in Germany"

Einen nachhaltigen Schaden für Produkte "Made in Germany" ist indes nicht unbedingt zu erwarten. "In ein paar Wochen kann sich das legen", glaubt Nik Stucky von der Marketing-Firma Interbrand in Zürich. "Eine Marke ist ein stabiler Wert. Den können Sie nicht opportunistisch oder kurzfristig dem Zeitgeist gemäß ändern." Wenn sich ein Produkt stark an die nationale Herkunft lehne, bestehe zwar immer die Gefahr, dass es "unter Beschuss" gerate, wenn das Land in der Kritik stehe. "Aber sie haben ja eben auch die Vorteile", sagt Stucky. "Die deutschen Marken sind immer gut gefahren mit ihrem Image."

Bei vielen deutsche Produkten scheint die nationale Herkunft indes gar nicht bekannt: "Es ist in der Regel so, dass jeder in den einzelnen Ländern denkt, dass das eine nationale Marke ist", sagte ein Sprecher des Nivea-Herstellers Beiersdorf. Ähnliches gilt für Adidas: "Wir werden als globale Marke gesehen, so dass wir momentan keine negativen Effekte merken." Andersherum taucht ein Produkt auf den Boykott-Listen immer wieder auf, das hierzulande kaum jemand kennt: "St. Paul Girl"-Bier aus dem Hause Beck's. Die Brauerei ist allerdings mittlerweile belgisch. In die falsche Richtung geht wohl auch der Boykott von Shampoos der Wella AG: Der Konzern wurde jüngst vom US-Konsumgüterriesen Procter & Gamble geschluckt.

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