Anwender stehen bei Produktentwcklung im Vordergrund
Komrat verhilft Behinderten zu Selbstständigkeit im Job

Mehr Selbstständigkeit im Job: Die Leipziger Firma Komrat berät Behinderte und ihre Arbeitgeber. Eine Idee mit Zukunft - die Bundesregierung will 50 000 Schwerbehinderte in den freien Arbeitsmarkt integrieren.

Auf den ersten Blick sieht es aus wie ein durchschnittliches Büro. Große Bildschirme, die Schreibtische übersät mit Papieren. Doch vor den meisten Tischen stehen keine schicken Bürosessel. Manche Tastaturen haben Tasten, die fast so groß sind wie Golfbälle. Andere sind unter Gitter gelegt. An zwei Schreibtischen sind Kniebrücken mit flachen Tasten zur Steuerung der Computermaus angeschraubt.

Die 40 Mitarbeiter in der PC-Werkstatt der Leipziger Diakonie sitzen im Rollstuhl. Viele von ihnen sind spastisch gelähmt und auf fremde Hilfe angewiesen. "Ich will nicht an einem Fließband sitzen und etwas einpacken", übersetzt die Gruppenleiterin Connie Dammann für einen jungen Mann, der nach einem Unfall schwer behindert ist. Dammann trainiert ihre Schützlinge in Computerprogrammen wie Word und Excel, damit sie selbstständig Kirchenblätter oder Visitenkarten gestalten können.

Es ist schwierig für spastisch Gelähmte, ihre Hände ruhig zu halten. Sie schreiben daher zum Beispiel auf Großfeldtastaturen. "Ihre Finger werden so geführt, dass sie den richtigen Buchstaben treffen und nicht hilflos auf der Tastatur herumhauen", erklärt Jens Trümpler. Der Sonderpädagogik-Student berät Connie Dammann und ihre Kollegen darin, welche technischen Hilfsmittel für die Werkstatt-Mitarbeiter geeignet sind. Sie sei auf diese Tipps angewiesen, betont Dammann. Der Markt für Hilfsmittel sei zu groß, um den Überblick zu behalten und oft führten Standardmodelle zu Frustration und Tränen bei den Benutzern. "Wir brauchen Einzellösungen, die an die konkreten Bedürfnisse angepasst werden", so Dammann.

Geschäftsidee sollte Beratungslücke schließen

Zusammen mit seinem Studienfreund Jens Liebusch hat Trümpler am Lehrstuhl für Körperbehindertenpädagogik der Uni Leipzig den Hilfsmittelpool betreut. "Da ist uns ein riesiges Defizit an umfassender Beratung aufgefallen", sagt Trümpler. Die Beiden beschlossen, diese Lücke zu schließen und gründeten im Januar 1999 die Firma Komrat. Der Name steht für Kommunikationshilfsmittel und Beratung. Das Ost-West-Duo - Liebusch stammt aus Hoyerswerda, Trümpler aus Oldenburg - lotet zuerst die Wünsche ihrer Kunden aus. Sie testen mit ihnen verschiedene Geräte, suchen das optimale aus, beantragen die Finanzierung bei den zuständigen Kostenträgern und lehren die Bedienung.

Trümpler weiß, dass Fußtaster, Maus-Ersatzgeräte und Akkustiksensoren keine neuen Produkte sind. Sie werden in Deutschland schon von zwanzig Firmen verkauft. Doch deren Mitarbeiter kämen alle aus technischen Berufen. "Ihnen sind wir mit unseren Kenntnissen in Behinderungsformen und Fördermaßnahmen voraus", sagt der Gründer. Nicht das Gerät, sondern der Anwender stehe im Vordergrund. Zum Beispiel seien viele an Rollstühlen befestigte Tastenfelder viereckig, mit spitzen Kanten. Um sie drücken zu können, verkrümmen spastisch Gelähmte ihre Hände und ritzen sich die Handgelenke blutig. "Das würden wir niemals anbieten, unsere Tastenfelder wären rund", so Trümpler.

Richtig gestartet sind die zwei Jungunternehmer im Juni 2000, neben ihrem Studium. Zuerst schulterten sie in Existenzgründerkursen das nötige betriebswirtschaftliche Rüstzeug. Das Unternehmensgründerbüro der Leipziger Sparkasse holte Trümpler und Liebusch auf den Boden der Wirtschaftsfakten - sie mussten einen Businessplan erstellen. Sie lernten dort auch über Kundenwerbung, Marktpotenzial und Finanzierungsmodelle. Liebusch und Trümpler nahmen dann einen kleinen Existenzgründerkredit auf. Das Geld ist ins Marketing geflossen.

Die Kunden sind gleich um die Ecke

Den Bürositz im Leipziger Haus der Demokratie haben die Gründer gut gewählt. Potenzielle Kunden befinden sich auf dem gleichen Flur - hinter den Türen der Bürgerbüros oder Beratungsstellen für Behinderte. Folglich läuft die Kundenwerbung in erster Linie von Mund zu Mund. "Ein Großteil der Behinderteneinrichtungen liegt im direkten Umfeld. Das ist ein Standortvorteil gegenüber unseren Mitbewerbern." Das Geschäftsvokabular geht Trümpler schon leicht von der Zunge.

Doch die beiden Gründer besuchen auch Branchenmessen, Förderschulen und Rehabilitationskliniken. Dort bekommen sie auch schon mal "wohlwollendes bis richtiges Desinteresse" zu spüren. Beide sind optimistisch, dass demnächst eine neue, der Technik aufgeschlossenere Generation an Pädagogen und Therapeuten in die Förderschulen und Heime einzieht.

"Außerdem kostet alles Geld, was wir anbieten", sagt Trümpler. Komrat stellt nur die Geräte in Rechnung, nicht die Beratung. Eine Kniebrücke kostet rund 2 000 Mark, eine Großfeldtastatur 1 000 Mark mehr. In der Regel bezahlen Krankenkassen, Arbeits- oder Sozialämter die Hilfsmittel. 107 Menschen hat Komrat auf diese Weise bisher versorgt. Leben können die beiden Studenten noch nicht davon, doch das Ziel ist Wachstum - wie bei jedem jungen Unternehmen. In diesem Jahr "hoffen wir auf einen Umsatz von 250 000 Mark", sagt Trümpler.

Geschäftsaussichten sind gut

Die Einnahmen können in den kommenden Jahren noch kräftig steigen. Infolge des Computerbooms habe auch die Nachfrage nach elektronischen Hilfsmitteln zugenommen. Projekte wie "Schulen ans Netz" machen nicht vor den Türen der Sonderschulen halt, wo immer mehr behindertengerechte Computerarbeitsplätze eingerichtet würden. Aber auch über den Arbeitsmarkt winken Komrat neue Kunden. Die Bundesregierung hat sich gesetzlich verpflichtet, bis Ende kommenden Jahres 50 000 Arbeitsplätze für Schwerbehinderte zu schaffen. Sachsen will in diesem Zeitraum 2 500 von insgesamt mehr als 14 000 Schwerbehinderten im Freistaat in den freien Arbeitsmarkt integrieren. Trümpler ist zuversichtlich, dass das gelingt. Behinderte hätten viele Rechte, wüssten dies nur nicht.

Größere Probleme bereitet den beiden Gründern der fehlende direkte Kontakt zu ihren Endkunden - oft stehen die Betreuer dazwischen. "Die glauben zu wissen, was gut ist", klagt Trümpler. Einen Weg, Kontakt aufzunehmen, hat Komrat jedoch schon gefunden - die Homepage. Viele Anfragen kommen übers Internet an, vor allem von Unfallopfern, die ihr Leben nicht am Fließband oder auf der Heimterrasse verbringen möchten.

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