Anzeige wegen "unfairer Geschäftspraktiken"
"Piraten-Banner" verdrängen Werbeeinblendungen

Ein kalifornisches Internet-Startup hat sich wegen seines aggressiven Werbekonzepts bereits eine Anzeige eingehandelt.

ddp REDWOOD CITY. Das kalifornische Internet-Startup Gator.com hat einen raffinierten Weg gefunden, um quasi zum Nulltarif Werbebanner auf beliebten Websites platzieren und vermarkten zu können - und damit den geballten Zorn der amerikanischen Werbe-Industrie auf sich gezogen. Der simple Trick: Gator verdeckt die auf den Websites angezeigten Banner mit eigenen Werbeeinblendungen. "Banner-Piraten" und "Eyeball Bandits" sind die harmloseren Bezeichnungen, mit denen die Werbe-Industrie auf das ungewöhnliche Geschäftsmodell reagiert. Der Dachverband der US-Internet-Werbeindustrie, das Internet Advertising Bureau (IAB), hat bereits Anzeige wegen "unfairer Geschäftspraktiken" gestellt.

Juristisch ist der Fall allerdings alles andere als einfach. Um die umstrittenen Banner über die ursprüngliche Werbung plazieren zu können, muss der Anwender zunächst eine Software installieren. Mit diesem Schritt, so die Auffassung von Gator.com, hat der Anwender ausdrücklich sein Einverständnis gegeben, die Werbung von Gator.com und nicht die der Website-Betreiber sehen zu wollen. "Letztlich geht es um die Frage, wem der Bildschirm gehört: Dem Anwender oder den Web-Angeboten", schätzt der US-Urheberrechtsexperte Robert Schwarz den Fall ein. Schwarz hält den Streit für einen Präzedenzfall, in dem das Ende noch völlig offen sei.

"Unfaire Geschäftspraktiken"

Für die Werbeindustrie ist die Angelegenheit naturgemäß eindeutig. "Wir glauben, dass die unfairen Geschäftspraktiken von Gator.com einen erheblichen Eingriff in das Marken- und Urheberrecht sowohl der Werbetreibenden als auch der Web-Publisher darstellt", erklärte der IAB . Für viele Konsumenten sei nicht ersichtlich, dass die gezeigten Werbebanner nicht von dem Betreiber der Site stammen. Das färbe auf das Image der Anbieter ab.

Tatsächlich lässt sich dem Unternehmen Gator.com eine gewisse Guerilla-Taktik kaum absprechen. Gegründet wurde die Firma 1998 im kalifornischen Redwood City. Ein Jahr später bot die Firma kostenlos ein kleines Zusatzprogramm mit dem freundlichen Namen "Smart Online Companion" (engl.: "Intelligenter Online-Begleiter") an, das dem Surfer zahlreiche lästige Arbeiten im Web abnimmt. Der elektronische Begleiter unterstützt den Surfer beim Preisvergleich in verschiedenen Online-Shops, merkt sich Kreditkartennummern und Passwörter und kann nach kurzer Lernphase nahezu alle Web-Formulare automatisch ausfüllen. Das Produkt bestach von Beginn an durch seine Unaufdringlichkeit. Nur wenn er gebraucht wird, erscheint der kleine Helfer auf dem Bildschirm und leitet seine Unterstützung an. 18 Millionen Mal soll das kleine Programm inzwischen von der Website des Unternehmens geladen worden sein. Niemand störte sich an der Software - auch wenn das Geschäftsmodell der mit 65 Millionen US-Dollar Risikokapital ausgestatteten Herstellerfirma unklar blieb.

Surfverhalten ausgewertet

Zum Streit kam es erst am 20. August dieses Jahres. Nachdem sich zahlreiche Web-Surfer bereits an das Programm gewöhnt hatten, wurde die neueste Version so erweitert, dass so genannte Popup-Werbebanner gezielt die eigentlich auf der Web-Site liegende Werbung verdecken. Damit nicht genug. Gator.com wertet auch das Surfverhalten der Anwender aus und weiß daher genau, welche Produkte der Benutzer besonders gerne übers Web bestellt. Werbetreibende können bei Gator.com aber auch besonders dreiste Kampagnen buchen. "Ihre Botschaft auf jeder Seite, auch auf der der Konkurrenz", lautet eines der Gator-Werbeversprechen. Ein treuer IBM-Kunde, der gerade einen PC bestellen will, könnte dank Gator ausgerechnet auf der IBM-Hauptseite erfahren, dass Dell vergleichbare PCs günstiger anbietet.

Noch ärger gebeutelt sehen sich Website-Betreiber, die ihre redaktionellen Angebote mit Werbebannern finanzieren müssen. "Warum sollte ein Unternehmen auf unserer Website noch ein Popup buchen, wenn es bei Gator.com zu günstigeren Konditionen zu bekommen ist?", fragt sich ein Anzeigenverkäufer des renommierten US-Online-Angebots "Wired". Wenig Verständnis haben auch die Werbebanner-Vermarkter für die Gator-Geschäftsidee. «Das ist ungefähr so, als ob aus Printprodukten vor ihrer Auslieferung die Anzeigenseiten entfernt würden. Das bewegt sich meines Erachtens schon im Bereich des unlauteren Wettbewerbs, zumindest ist es ein sehr fragwürdiges Geschäftsgebaren», erklärte der deutsche Sprecher des weltgrößten Banner-Vermarkters Double-Click.

Dabei haben Werbevermarkter hierzulande noch keine größeren Probleme: Die umstrittene Software ist speziell auf den US-Markt abgestimmt und hat daher in Deutschland nur geringe Verbreitung gefunden. Das könnte sich allerdings schnell ändern, denn zahlreiche auch in Deutschland verbreitete Internet-Zusatzprogramme wie etwa die beliebten Download-Manager "Gozilla" und "Getright" könnten das Konzept sofort kopieren. Auch in Deutschland wird die juristische Auseinandersetzung um die Frage, wem der Bildschirm gehört, daher aufmerksam verfolgt.

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