AOK: Schlimmster Fall im Gesundheitswesen
Betrugsskandal mit Billig-Zahnersatz aufgedeckt

In einem der größten Betrugsskandale im deutschen Gesundheitswesen ist den Krankenkassen durch fingierte Zahnersatzabrechnungen ein geschätzter Schaden in dreistelliger Millionenhöhe entstanden.

HB/dpa WUPPERTAL/MÜLHEIM/HANNOVER. Die Mülheimer Dentalgesellschaft Globudent soll Ärzten jahrelang billigen Zahnersatz aus China verkauft, Kassen und Patienten aber teure deutsche Preise berechnet haben. In den Skandal könnten nach Angaben der AOK bundesweit 2 000 Ärzte verstrickt sein.

Herausgekommen waren die Machenschaften durch niedersächsische Zahnärzte, die dabei nicht mitgemacht hatten und sich an die Krankenkasse wandten, sagte der Leiter der AOK-Task-Force gegen Abrechnungsbetrug, Peter Scherler, am Mittwoch in Hannover und bestätigte Berichte der "Financial Times Deutschland" und des ZDF. Gegen die Firma und andere Verantwortliche ermittelt die Staatsanwaltschaft wegen Betrugs. Die AOK rechnet damit, dass in die Betrügereien auch andere Firmen verwickelt sind. AOK-Sprecher Klaus Altmann sagte im ZDF-Magazin "Frontal", die AOK werde Schadensersatz von den betroffenen Zahnärzten fordern. Sie müssten mit dem Entzug der Zulassung rechnen.

Die Staatsanwaltschaft Wuppertal ließ am Mittwoch die Geschäftsräume von Globudent im nordrhein-westfälischen Mülheim an der Ruhr sowie 14 weitere Unternehmen durchsuchen. Untersuchungen der AOK laufen auch in anderen Bundesländern. Die AOK Bremen sprach von Hinweisen, denen nachgegangen werde. Von Praxis-Durchsuchungen sei aber noch nichts bekannt, sagte ein Sprecher.

"Wie hoch der Schaden für die Krankenkassen ist, kann derzeit noch nicht beziffert werden", sagte der Leitende Oberstaatsanwalt Alfons Grevener in Wuppertal. Experten der AOK Niedersachsen beziffern ihn im Fall Globudent auf mindestens 50 Mill. Euro. Bundesweit könnten es rund 2 000 Ärzte sein, die allein über Globudent den Billig-Zahnersatz erhalten hätten. Die Kundenkartei des Unternehmens soll genaueren Aufschluss über die beteiligten Zahnärzte geben. Die Geschäftsleitung von Globudent war zunächst nicht zu einer Stellungnahme bereit.

Allein in Niedersachsen könnte die AOK um acht Mill. Euro geschädigt worden sein. Das sei noch vorsichtig geschätzt, sagte AOK- Sprecher Klaus Altmann. Der Zahnärztekammer Niedersachsen lagen nach eigenen Angaben bis Mittwoch keine Informationen über die Betrugsfälle vor. Sollten diese sich aber bestätigen, werde geprüft, ob sich Zahnärzte der Berufspflichtverletzung schuldig gemacht hätten, sagte ein Sprecher. Es könnten Geldbußen bis zu 50 000 Euro verhängt werden.

Rund 900 Euro kostet nach AOK-Angaben ein in Deutschland gefertigter Zahnersatz. Globudent soll ihren Zulieferern aus China lediglich 120 Euro gezahlt haben. Zwischen einem Drittel und einem Fünftel der gefälschten Summe wanderte als Rückvergütung in die Tasche der beteiligten Zahnärzte.

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