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AOL-Chef warnt Deutschland vor Rückständigkeit

Der Chef von AOL-Time-Warner, Gerald M. Levin, hat Europa und besonders Deutschland davor gewarnt, bei der Internetentwicklung den technologischen Anschluss an die USA zu verlieren.

ap/rtr HAMBURG. Auf einem von der SPD veranstalteten Kongress zur Zukunft des Internets wies Levin am Samstag in Hamburg darauf hin, dass Europa bei der Einführung der Breitbandtechnik deutlich langsamer vorankomme als die USA. Breitbandtechnik ermöglicht zum Beispiel Fernsehen über das Internet.

Levin forderte am Samstag zudem eine zügige und Flächen deckende Verbreitung von Breitbandanschlüssen, die ein schnelleres Internet-Surfen ermöglichen. Die Zukunft des Internets in Europa sei abhängig von Pauschalpreisen und Breitbandanschlüssen, sagte Levin.

Der Chef des US-Konzerns forderte ferner die Einführung einer Großhandels-Flatrate für die Internet-Nutzung in Deutschland. Netzbetreiber wie die Deutsche Telekom müssten allen konkurrierenden Internet-Service-Providern (ISPs) solche Pauschaltarife anbieten, sagte Levin bei einem Internet-Kongress der SPD am Samstag in Hamburg. Am Vortag hatte Levin auch mit Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) über seine Vorstellungen von einer solchen Flatrate gesprochen. Das Bundeskanzleramt bestätigte entsprechende Informationen aus Unternehmenskreisen. Hintergrund der AOL-Forderung ist der seit Monaten andauernde Streit zwischen AOL Deutschland und der Telekom, deren Tochter T-Online Marktführerin in Deutschland ist.

Nach Ansicht von AOL können ISPs nur mit einer Großhandels-Flatrate der Telekom ihren eigenen Kunden einen Pauschaltarif für das unbegrenzte Surfen im Internet anbieten, ohne dabei Verluste zu machen. Die Telekom hatte im März vor Gericht eine Anordnung der Regulierungsbehörde für Telekommunikation gestoppt, nach der die Telekom eine Flatrate in bestimmter Höhe hätte anbieten müssen. Den von der Telekom stattdessen freiwillig angebotenen Pauschalpreis lehnt AOL als zu hoch ab.

Die Deutsche Telekom habe nur "eine halbherzige Lösung angeboten", sagte AOL-Time-Warner-Chef Levin am Samstag weiter. Eine Flatrate, also eine Pauschalzugangsgebühr für das unbegrenzte Surfen, würde die Verbreitung des Internets in der Bevölkerung fördern und dem in Deutschland noch vergleichsweise wenig entwickelten E-Commerce neuen Schwung geben, fügte Levin hinzu. Wer beim Internet-Surfen wegen der Kosten nicht mehr ständig auf die Uhr schauen müsste, würde sich auch verstärkt im Internet informieren und dort einkaufen.

Bei Schröder sei das Thema auf offene Ohren gestoßen, hieß es am Samstag aus den AOL-Kreisen weiter. Die Großhandels-Flatrate sei bei einem Besuch Levins bei Schröder am Freitag in Berlin zur Sprache gekommen. Über den Inhalt des Gesprächs wurden keine Einzelheiten bekannt.

Die Telekom hatte im März vor dem Oberverwaltungsgericht (OVG) Münster die Rechtmäßigkeit der Regulierer-Anordnung zum Angebot einer bestimmten Flatrate erfolgreich bestritten. Derzeit berät aber noch das Verwaltungsgericht Köln über die Sache. Außerdem wollte auch die Regulierungsbehörde die Entscheidung des OVG Münster prüfen. Eine Antwort der ISPs auf die von der Telekom freiwillig angebotene Großhandelsflatrate steht auch noch aus.

Bei T-Online hieß es am Samstag, bei den eigenen Verhandlungen mit der Telekom über eine Flatrate stünden derzeit noch Feinabstimmungen an. Die Telekom hatte auch der eigenen Tochter T-Online - wie allen anderen ISPs - um die Jahreswende ein Angebot für einen Großhandelspauschalpreis vorgelegt.

In einem Grußwort für die Veranstaltung hatte Bundeskanzler Gerhard Schröder die große Bedeutung von Bildung und Forschung für die Entwicklung und Anwendung der neuen Technologien unterstrichen. Die Talente und Begabungen aller zu entfalten und auszuschöpfen, sei heutzutage oberstes Leitmotiv einer Politik der Zukunftsfähigkeit. Investitionen in Bildung und Forschung seien der Schlüssel zu Wohlstand, sozialer Sicherheit und Chancengerechtigkeit. Der Kanzler verwies darauf, dass die Bundesregierung den Bildungs- und Forschungsetat trotz Haushaltskonsolidierung auf die Rekordhöhe von 16 Mrd. DM gesteigert habe.

Bundesforschungsministerin Edelgard Bulmahn bekräftigte auf dem Kongress den Willen der Bundesregierung, alle Bürger an den Segnungen des Internets teilhaben zu lassen. "Die Gesellschaft darf sich nicht spalten in User und Loser", erklärte die SPD-Politikerin. Sie erinnerte daran, dass sich seit der Regierungsübernahme der rot-grünen Koalition die Zahl der ans Internet angeschlossenen Schulen von 20 % auf 95 % erhöht habe.

Nach Ansicht von Bulmahn könnte sich die Anzahl der in der Computertechnik und Telekommunikation beschäftigten Menschen in Deutschland von heute 800 000 bis zum Jahr 2010 fast verdoppeln. Den Einbruch der New Economy an der Börse nannte sie eine "Entmystifizierung der Internet-Branche".

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