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AOL und Microsoft schließen Frieden

Gemessen an der Börsenreaktion ist AOL Time Warner der Sieger des historischen Friedens mit seinem Erzrivalen Microsoft. Die Aktien des Medienkonzerns legten an der Wall Street mit einem Plus von 2,5 % deutlich stärker zu als die des Softwaregiganten. Die meisten Experten sind sich jedoch einig, dass langfristig Microsoft den größeren Nutzen aus der außergerichtlichen Einigung ziehen wird.

NEW YORK. Zwar zahlt der weltgrößte Softwareanbieter den stolzen Betrag von 750 Mill. $ an AOL. Angesichts eines Liquiditätspolsters von 46 Mrd. $ ist das für Konzerngründer Bill Gates jedoch leicht zu verkraften. Wenn AOL länger durchgehalten hätte, sei mehr drin gewesen, kommentierte George Gilbert, Analyst bei der Northern Trust Bank in Chicago. Der drückende Schuldenberg von mehr als 26 Mrd. $ ließ AOL jedoch kaum eine andere Wahl. AOL-Chef Dick Parsons will das Geld für die Tilgung von Krediten verwenden.

Die beiden Unternehmen hatten sich überraschend darauf geeinigt, ihren jahrelangen Rechtsstreit um die Navigationshilfe für das Surfen im Internet, den Browser "Explorer", außergerichtlich beizulegen. Im Mittelpunkt des Disputes stand der Vorwurf, Microsoft habe das Quasi-Monopol des Betriebssystems Windows missbraucht, um Konkurrenzprodukte wie "Netscape" aus dem Markt zu drängen. Tatsächlich hat der Internet Explorer von Microsoft den Konkurrenten Netscape fast völlig verdrängt. AOL hatte Netscape 1999 für 10 Mrd. $ gekauft.

Beide Unternehmen wollten den Streit nun möglichst schnell hinter sich bringen. "Ich freue mich, dass wir unseren früheren Streit beilegen konnten", sagte Gates. Für Microsoft bietet die Einigung die Gelegenheit zu demonstrieren, dass die Zeit der Wettbewerbsverstöße der Vergangenheit angehört. Und Parsons hofft nun auf eine "produktivere Beziehung mit Microsoft".

Fondsmanager Bill Rutherford bezeichnete die Einigung als guten Deal für beide Seiten. AOL kann nicht nur einen Teil seiner Schulden bezahlen, sondern erhält auch Zugang zu der Microsoft-Technologie für Internet Browser und digitale Medien. Davon profitiert auch Microsoft, denn der ehemalige Kontrahent ist der größte Online-Dienst der Welt. Auf der Strecke bleiben dürfte dagegen Netscape, für dessen Technologie AOL keine Verwendung mehr hat. Auch für Konkurrenten auf dem Markt für digitale Medien wie Apple und Real Networks könnte die Kombination von AOL und Microsoft bedrohlich werden.

Den größten gemeinsamen Nutzen erhoffen sich Gates und Parsons von der Zusammenarbeit beim digitalen Schutz von Urheberrechten. "Das Management digitaler Rechte ist der bedeutendste Teil der Vereinbarung", sagte der AOL-Chef. Die Produktpiraterie bei Musik und Videos im Internet ist eine der größten Herausforderungen für die Medienbranche. Microsoft kann durch die neue Verbindung seine Software auf diesem schnell wachsenden Markt positionieren.

Möglich wurde der Friedensschluss offenbar durch den Management-Wechsel an der Spitze von AOL Time Warner. Der von Time Warner kommende Pragmatiker Parsons hat nie mit vergleichbarem Herzblut gegen Microsoft gekämpft wie seine AOL-Kollegen. Nach dem Abgang von AOL-Gründer Steve Case war der Weg frei für eine gütliche Einigung. "Wir hatten immer eine gute Beziehung zu den Leuten von Warner Music und Time Warner Cable", sagte Gates.

Beide Konzernchefs betonten jedoch, dass die Unternehmen auf vielen Gebieten weiterhin Konkurrenten blieben. So stünde AOL nach wie vor in direkter Konkurrenz zum Microsoft-Onlinedienst MSN. Mit diesem Hinweis sollen nicht nur kleinere Konkurrenten beruhigt werden, sondern auch die Kartellwächter. Einen Genehmigungsbedarf für ihre Zusammenarbeit sehen Microsoft und AOL jedoch nicht.

Weiterhin wurde bekannt, dass Microsoft-Chef Steve Ballmer für knapp 1,2 Mrd. $ ein Aktienpaket verkauft hat. Ballmer begründete die Transaktion mit einer Umschichtung seines privaten Portfolios. Mit seinem Vertrauen zu Microsoft habe das nichts zu tun.

Quelle: Handelsblatt

Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.
Torsten Riecke
Handelsblatt / International Correspondent
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