Apotheken-Inventurscanner und Wegfahrsperre auf einer Frequenz
Elektronikpannen: Verwirrte Schaltkreise in den Autos

Eines hatten die Autos, die in Rees am Niederrhein vor einer Apotheke parkten gemeinsam: Sie fuhren nicht mehr. Entweder ließen sie sich nicht mehr schließen oder nicht mehr öffnen. Bei manchen röchelte der Motor nach dem Anlassen einmal kurz, um dann abzusterben. Und die Werkstatttechniker waren ratlos. Erst teure Messungen entlarvten den Übeltäter:

Den Inventurscanner der Apotheke. Er sendete auf einer Frequenz von 433 Megahertz. Weil sie kostenlos ist, legen auch Autohersteller Fernbedienung und Wegfahrsperre auf die gleiche Frequenz. Das Scannersignal war so stark, das es die Autosignale überlagerte und alles lahm legte.

Nicht einwandfrei arbeitende Elektronik ist zur Hauptursache für Autopannen geworden. Während die Zahl der Motordefekte in den vergangenen Jahren konstant blieb, hat sich die Anzahl der Elektronikausfälle nahezu verdoppelt. Ein Drittel aller Autopannen gehen heute laut ADAC auf das Konto der elektronischen Helfer. Notsysteme wie sie beispielsweise in Flugzeugen üblich sind, finden sich in Autos aus Kosten- und Gewichtsgründen nicht. Doch das könnte sich ändern: Denn nach einer Untersuchung der Unternehmensberatung Cap Gemini Ernst & Young in Berlin rollt in den nächsten zwei Jahren auf die Autohersteller eine Lawine von Garantie- und Kulanzkosten zu.

Zwei Drittel dieses zweistelligen Milliardenbetrags gehen auf das Konto der Elektronik. Bordcomputer, digitale Motorelektronik, Bremsassistenten, Klimaautomatik, Abstandswarner, Navigationssysteme oder Internetanschluss: Schon Mittelklassewagen enthalten heute mehr Rechnerleistung als die Apollo-Mondlandefähre im Jahr 1969.

Je mehr Elektronik, desto mehr Fehlerquellen

Der High-Tech-Boom führt immer häufiger zum Kollaps: So mahnte bei einem nagelneuen Audi A2 eine Bremskontrollleuchte unmissverständlich zum sofortigen Anhalten. Der herbeigerufene Servicetechniker fand jedoch keinen Fehler. Das Lämpchen blinkte immer mal wieder. "Ignorieren Sie es und fahren Sie einfach weiter", lautete der entnervte Rat an den verunsicherten Fahrer.

Je mehr Elektronik, desto mehr Fehlerquellen ist die einfache Rechnung, die Ferdinand Dudenhöffer, Leiter des Center of Automotive Research in Gelsenkirchen aufmacht. "Deshalb sind besonders die Hersteller teurer Autos, die vor Elektronikbauteilen strotzen, von den Mängeln betroffen", sagt Dudenhöffer. Schließlich demonstrieren die Autobauer hier den Vorsprung durch Technik, der die Freude am Fahren steigern soll.

Doch oft kann von Fahren keine Rede sein. Besonders BMW, aber auch andere Hersteller, sind davon betroffen. In Internetforen berichten 7er-Fahrer von Totalausfällen der Bordelektronik, beim Fachblatt "Auto Motor und Sport" quittierten 7er reihenweise den Dienst. Mehr als 700 Funktionen lassen sich im BMW über einen i-Drive genannten Dreh- und Stellknopf ansteuern. Doch wenn die Schaltkreise erst einmal verwirrt sind, geht gar nichts mehr: Ohne Hilfe kann der Luxus-BMW weder gestartet und noch nicht einmal abgeschleppt werden. Dazu muss erst die elektronische Handbremse, die sich bei einem Stromausfall gänzlich sperrt, überlistet werden. Das funktioniert aber nur mit einer schlichten mechanischen Kurbel aus dem Bordwerkzeug.

BMW in der ADAC-Pannenstatistik nur im Mittelfeld

Die Quittung erhält BMW in der ADAC-Pannenstatistik. Dort landen die Münchner nur im Mittelfeld, weit hinter dem Rivalen Audi. Auch in der TÜV-Statistik rangiert BMW nur auf Platz 14, deutlich hinter Mercedes, das nach Porsche und Toyota Platz drei belegt.

Die Schuld an dem Elektronikdesaster schieben Autobauer gerne auf die Zulieferer. Denn seit Ignacio López erst bei Opel und dann bei VW nicht nur Einzelteile, sondern komplette Systeme zu Niedrigpreisen forderte, hat sich einiges verändert. Die oft hoch spezialisierten Partner liefern etwa komplette Armaturenbretter direkt ans Band. Der Autobauer spart Lager- und Transportkosten - zulasten der Zulieferer und wohl auf Kosten der Qualität. Der Streit, ob Hersteller oder Zulieferer für die Mängel am Auto verantwortlich sind, ist entbrannt. DaimlerChrysler-Chef Jürgen Schrempp sieht Probleme "an den Schnittstellen".

Japaner sind Weltmeister bei kurzen Entwicklungszeiten

Zulieferer ächzen dagegen nicht nur unter dem Preisdiktat der Autobauer. "Deutsche greifen im Gegensatz zu japanischen Herstellern noch bis kurz vor der Serienproduktion in die Entwicklung ein und ändern Kleinigkeiten", klagt der Werkleiter eines süddeutschen Zulieferers. Japanische Autobauer übernehmen dagegen in neue Modelle bewährte Aggregate aus dem Vormodell. Auch der Verweis auf immer kürzere Entwicklungszeiten verfängt kaum. Denn darin sind die Japaner die Weltmeister - und trotzdem erzielen Toyota oder Honda in den Pannenstatistiken Bestwerte.

Eines ist sicher: Der Elektronikanteil im Auto steigt weiter an. Elektronik prägt derzeit 90 Prozent aller Innovationen im Automobilbau. So bleibt für die fahrenden Superrechner nur eine Lösung: Künftig müssen alle sicherheitsrelevanten Einheiten im Auto doppelt ausgelegt sein - sinkende Chipkosten machen das möglich. Doch hier schließt sich der Teufelskreis: Mit dem mehr an Schaltkreisen steigt wiederum das Fehlerrisiko.

Quelle: Wirtschaftswoche

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