Appell an die Basis: Künast: Bissig aber auf Ausgleich bedacht

Appell an die Basis
Künast: Bissig aber auf Ausgleich bedacht

"Fordert nicht nur Führung, sondern lasst sie bitte auch zu" - mit dieser Bitte an die Delegierten des Bundesparteitages der Grünen in Münster machte Renate Künast ihren Führungsanspruch deutlich.

Reuters MÜNSTER. Daraus sprach auch die Hoffnung, die Partei möge ihren Vorsitzenden künftig den Rücken stärken, statt sie regelmäßig durch innerparteilichen Streit zu schwächen. Die Basis verstand den Appell: Künast wurde mit knapp 83 % der Stimmen zur neuen Parteichefin gewählt. "Ich bin im Zweifelsfall keine Bundesvorsitzende, die immer einfach ist", warnte Künast die Delegierten. Und sie machte deutlich, dass die bei den Grünen beliebten Formelkompromisse zwischen linkem und realpolitischem Flügel nicht ihre Sache seien. Den "Strömungs-Showdown" werde sie nicht mitmachen, sagte Künast, die sich selbst der linken Mitte zurechnet.

Die 44-jährige Juristin und bisherige Fraktionschefin der Grünen im Berliner Abgeordnetenhaus stand schon einmal vor dem Sprung an die Parteispitze: Nach dem Sieg von Rot-Grün bei der Bundestagswahl 1998 wurde ihr das Parteiamt des in die Regierung gewechselten Jürgen Trittin angetragen. Damals hoffte Künast noch auf einen rot-grünen Sieg bei der Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus im Herbst 1999 und lehnte ab.

An Ehrgeiz mangelt es der angriffslustigen Frau, die von Mitarbeitern als ebenso herzlich wie arbeitswütig beschrieben wird, nicht. Als eines von vier Kindern wuchs sie in Recklinghausen in einfachen Verhältnissen auf, absolvierte die Fachhochschule für Sozialarbeit, arbeitete von 1977 bis 1979 als Sozialarbeiterin im Männergefängnis in Berlin-Tegel und studierte später Jura.

Zu den Grünen kam sie über die Anti-Atom-Bewegung. Während des Jurastudiums demonstrierte sie zu Beginn der 80er-Jahre in Gorleben gegen die Wiederaufarbeitungsanlage für Atommüll. 1985 wurde Künast erstmals ins Berliner Abgeordnetenhaus gewählt und übernahm unter der 1989 besiegelten rot-grünen Koalition den Fraktionsvorsitz - bis die Grünen die Koalition nach 21 Monaten platzen ließen, weil die SPD ein besetztes Haus räumen ließ.

Künast steht für grüne Identität, hegt nach eigenem Bekunden aber eine tiefe Abneigung gegen alles Dogmatische. So habe sie, anders als einige Grüne, die heute ausgewiesene Realpolitiker sind, auch nie einer kommunistischen Gruppe angehört. Trotz ihres bisweilen bissigen Spotts und messerscharf formulierter Angriffe sei sie in der Sache auf Ausgleich bedacht, berichten Mitarbeiter. Als ihr zentrales politisches Anliegen gilt der Rechtsstaat: demokratische Rechte, Liberalität in der inneren Sicherheit, Schutz für Minderheiten, Gleichstellung der Geschlechter.

Nach ihrer Wahl richtet Künast der FDP eine in "einen schönen Gruß" gekleidete Kampfansage aus, bei der sie auf die Sonnenblume als das Symbol der Grünen zeigt: "So sieht eine Sonnenblume aus: Aufrecht und immer der Sonne zugewandt."

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