Appell an „guten Willen“ der Auftragnehmer
Bahn bedrängt Lieferanten

Die Bahn verschickt blaue Briefe an ausgewählte Lieferanten. Sie sollen zehn Prozent ihrer Umsätze, die sie in diesem Jahr mit Bahnaufträgen erzielt haben, als einmaligen Sanierungsbeitrag zurückzahlen - "freiwillig".

DÜSSELDORF. Die Deutsche Bahn AG hat 330 kleinere Bahn-Lieferanten per Brief aufgefordert, angesichts der "schwierigen wirtschaftlichen Lage" der Bahn einen "außerordentlichen einmaligen Sanierungsbeitrag" zu leisten. Der Brief ist Teil eines Sparprogramms, mit dem die Bahn, mit einem Bestellvolumen von rund 10 Mrd. Euro pro Jahr einer der größten Auftraggeber der deutschen Wirtschaft, im Einkauf künftig massiv Geld sparen will.

Mit einem internen "Fokusprojekt" mit dem nicht ganz deutlichen Titel "Erschließung Einkaufspotenziale" plant die Bahn, von 2001 bis 2005 bei Lieferung und Leistung insgesamt 1,9 Mrd. Euro einsparen.

Nein, die Bahn habe keinesfalls versucht, Druck auf ihre Lieferanten auszuüben, kommentiert Bahn-Einkaufschef Stefan Garber die ungewöhnliche Massensendung seines Unternehmens. Die Bahn hat ihre Lieferanten in dem Schreiben, das dem Handelsblatt vorliegt, aufgefordert, 10 % ihrer Umsätze, die sie im laufenden Jahr mit der Bahn gemacht haben, auf ein in dem Brief genanntes Konto zu überweisen. "Wir hoffen in der momentanen Situation auf ihr Entgegenkommen und bauen damit gemeinsam mit ihnen auf eine langfristige Kundenbeziehung", heißt es weiter.

"Einen außerordentlichen Vorgang" nannte Michael Clausecker, Hauptgeschäftsführer des Verbandes der Bahnindustrie in Deutschland (VDB), die Aktion des Bahn-Einkaufs eher zurückhaltend. "Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Unternehmen bereit sein werden, einen derartigen unmittelbaren Sanierungsbeitrag für ihren Kunden zu leisten." Schließlich habe es in der Branche, die auf ihrem Restrukturierungsweg in den letzten Jahren von schweren Krisen gebeutelt worden sei, nicht einen einzigen Fall gegeben, bei dem man umgekehrt den Kunden Bahn um direkte Hilfe gebeten hätte. Und das nicht einmal dann, wenn die Unternehmen vor der Pleite gestanden hätten.

Kritik wies Bahn-Einkaufschef Garber zurück. Das Unternehmen sei bei dieser Aktion ausschließlich auf den "good will" seiner Auftragnehmer angewiesen, sagte er dem Handelsblatt. "Wir haben uns angeschaut, wie das andere Firmen machen: Die haben ihren Lieferanten geschrieben und dann einfach bei den nächsten Rechnungen gekürzt, wenn sie nichts gehört haben. Das ist rechtlich unzulässig und nicht unser Stil." Auch die Einschätzung, die Bahn übe mit ihrer Marktmacht Druck auf die Zulieferer aus, wollte Garber nicht gelten lassen. Da sei das Staatsunternehmen ein "relativ zahnloser Tiger". Der überwiegende Teil der Aufträge werde in öffentlichen Verfahren vergeben und sei durch die Vergabe-Kammern der Länder nachprüfbar. Sachfremde Erwägungen hätten da - weder positiv noch negativ - überhaupt keine Chance, meinte Garber.

Auf die Briefe, die die Bahn an ausgewählte Lieferanten mit Aufträgen zwischen 250 000 und 4 Mill. Euro im Jahr verschickt hatte, bekam sie bisher nur wenig Reaktion. Lediglich 2 % der Adressaten hätten Bereitschaft zur Rückzahlung signalisiert, 10 % wollten mit den Bahn-Einkäufern immerhin diskutieren.

Kernpunkt des Einkaufssparprogramms ist aber Garber zufolge nicht die Briefaktion. Vielmehr will die Bahn bei allen großen Auftragnehmern die Beschaffungskosten durchforsten und senken. Dafür gebe es reichlich Potenziale, insbesondere bei der Technik. Das beste Beispiel des Bahn-Einkaufschefs: Künftig will die Bahn für ihre Loks serienmäßige Lkw-Scheibenwischer ordern. Da seien Einsparungen bis zu 80 % möglich.

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Stichwort: "Anazapfen"

Wer seinen Lieferanten ohne sachlich gerechtfertigten Grund rückwirkend einen Rabatt abverlangt, kann sich laut Paragraf 20 des Kartell- Gesetzes (GWB) auf ein Bußgeld gefasst machen. Das gefürchtete "Anzapfen" steht in schlechten Zeiten bei mächtigen Konzernen dennoch hoch im Kurs. Schließlich wagt kaum ein Mittelständler, vor Gericht gegen seinen Großkunden aufzubegehren. Wer es dennoch tut, wird gnadenlos ausgelistet. Nach Informationen des Handelsblatts nimmt derzeit die Düsseldorfer Metro AG vor allem Speditionen in die Zange. Ihr Vorbild: die Münchener Siemens AG, die vor vier Monaten ihren Transporteuren rückwirkend 5,8 % vom Umsatz abzog. Den Karstadt-Quelle-Konzern schreckt nicht einmal ein rechtswirksames Urteil. Die Essener greifen ihren Lieferanten weiter unverhohlen in die Tasche. Rückgrat zeigen angesichts solcher Begehrlichkeiten nur wenige. Immerhin: Seine Transport- Verpackungen muss sich der Handelskonzern jetzt woanders besorgen. Der Hauslieferant gab - entnervt von den Nachforderungen - die Geschäftsbeziehung auf.

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