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Applaus und Buh-Rufe für Shakespeares «Lady Richard» in StuttgartDPA-Datum: 2004-07-19 10:56:47

Stuttgart (dpa) - Eine Frau im langen grünen Seidenkleid wälzt sich mit einem Mann auf einem dunkelbraunen Ledersofa. Plötzlich spritzt überall Blut. Die «Lady» - eigentlich Richard III. - spuckt die Zunge ihres Opfers auf den Bühnenboden, bevor sie es endgültig erwürgt.

Stuttgart (dpa) - Eine Frau im langen grünen Seidenkleid wälzt sich mit einem Mann auf einem dunkelbraunen Ledersofa. Plötzlich spritzt überall Blut. Die «Lady» - eigentlich Richard III. - spuckt die Zunge ihres Opfers auf den Bühnenboden, bevor sie es endgültig erwürgt.

Shakespeares «Richard III.» in der Interpretation von Marc von Henning schockiert, provoziert - und fasziniert. Entsprechend fand die Premiere des Stückes im Schauspielhaus in Stuttgart ein geteiltes Echo.

Viel Applaus gab es für das intensive Spiel von Irene Kugler, die in der Rolle des machthungrigen Herzogs Richard brillierte. Mit Buh-Rufen quittierten dagegen all jene das Stück, die sich um die Schönheit des Shakespeare-Textes betrogen sahen. Denn von der literarischen Vorlage ist bei von Henning letztlich nur die Kerngeschichte um Macht, Verführung und Betrug geblieben.

Richard - die Frau - fühlt sich «betrogen von der Natur» und ist doch der «einzig wahre Mann» im Hause York. Gefühllos strebt sie nach dem Thron und lässt mögliche Widersacher kaltblütig ermorden.

Die zweigeteilte Bühne erlaubte von Henning eine fast filmische Umsetzung des Stoffes. Während «Lady Richard» im oberen Teil der Bühne - einem heruntergekommenen Herrenhaus-Zimmer - mit ihren Feinden vermeintlich Frieden schließt, wird im «Keller» ihr Bruder George ermordet. Zusätzlich werden Dramatik und Spannung der Szenen mit Hintergrundmusik und Beleuchtungseffekten verstärkt.

Immer wieder bricht von Henning jedoch das Spiel auf, um die moralische Auseinandersetzung zwischen Zuschauerraum und Bühne zu ermöglichen. Richard selbst stellt die Protagonisten vor und unterstreicht mit Sätzen wie «Herrlich, diese Szene zu spielen» oder «Dafür gebe ich gerne die Bühne frei» den Vorführcharakter des Stückes.

Die Rolle Richards ist nicht allein durch die weibliche Besetzung der Figur ambivalent. Von Henning stellt seine Protagonistin in eine von Männern dominierte Gesellschaft des 21. Jahrhunderts, in der die Frau zum Mann werden muss, um erfolgreich zu sein. Sie verführt Männer, aber auch Frauen - und zeigt sich mal im Kleid, mal im Nadelstreifenanzug mit Krawatte.

Anhand dieser Figur spickt von Henning den Shakespeare-Klassiker mit Sozialkritik. In der Schlussszene, in der Richards Mutter - übrigens von einem Mann gespielt - die missratene Tochter zwischen ihren Beinen erwürgt, lässt dann auch noch Sigmund Freud grüßen.

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