Arabische Autoren schildern die vorsichtige Annäherung des Islams an westliche Werte
Wettstreit statt Kampf der Kulturen

Die arabische Welt ist das Thema der Buchmesse - doch angesichts des Terrors im Irak und der Auseinandersetzung um den EU- Beitritt der Türkei interessiert viele deutsche Leser eine speziellere Frage: Wie steht der Islam zum Westen, kommt es zum Konflikt, oder ist ein friedliches Miteinander möglich?

HB BERLIN. Viele Verlage greifen dieses Thema auf. Einen sehr guten Überblick bietet "Islam in Sicht" aus dem kleinen Transcript-Verlag. In Fallstudien wird kompetent und anschaulich geschildert, wie sich Auftreten und Selbstverständnis von Muslimen in der Türkei, im Iran und in Westeuropa in den vergangenen Jahrzehnten verändert haben.

Dargestellt werden etwa islamische Cafés und Studienzirkel in der Türkei, das Wirken von Frauen in den iranischen Medien und islamische Prediger in Frankreich, die sich um straffällig gewordene Einwandererkinder kümmern. Elham Gheytanchi weist in ihrem Beitrag über Frauen im Iran nach, wie das dortige Regime abgewirtschaftet und die auch bei Frauen geweckten Erwartungen enttäuscht hat. Die durch den revolutionären Islam politisierten Frauen kämpften nun gegen die Konservativen für ihre Rechte - und gleichzeitig für einen Islam, der diese schützt.

Die Klammer der unterschiedlichen Beiträge beschreibt Nilüfer Göle von der Pariser Ecole des Hautes Etudes en Sciences Sociales so: Man wolle verständlich machen, wie der zeitgenössische Islam versuche, die Grenze zwischen Privatem und Öffentlichem neu zu definieren. Göles These lautet: Die Phase des revolutionären Islams ist passé, islamistischer Terror nur noch Ausdruck der "politischen Ohnmacht der Militanten".

Muslimische Identität befinde sich heute in einer Phase der Normalisierung: Aktive Muslime betonten nicht mehr so sehr ihre Andersartigkeit, sondern übernähmen westliche Konsummuster, beteiligten sich an öffentlichen Debatten, auch in säkularen Zusammenhängen. Dabei gestalteten sie aber "neue islamische Sprachstile, Körperrituale und Lebens- und Verhaltensweisen" - und veränderten gerade dadurch auch die religiös neutrale Öffentlichkeit, wie wir sie gewohnt sind.

Der algerische Schriftsteller Fouad Allam argumentiert ähnlich wie Göfe: Der Islam errichte "im Kreis der zeitgenössischen europäischen Gesellschaften einen neuen Identitätsraum". Allerdings prophezeit Allam, dass nicht der öffentlich gelebte, sondern der privat und individuell wahrgenommene Islam in den nächsten Jahren stark zunehmen werde. Damit würde er im westlichen System der Trennung von Religion und Politik ankommen.

Erkenntnisgewinn und Spaß am Lesen vermitteln Fatima Mernissis "Herrscherinnen unter dem Halbmond". Die in Rabat lehrende Soziologin führt uns über die Beispiele von Frauen, die in vergangenen Jahrhunderten in den arabischen Ländern politische Macht errungen haben, souverän durch eine Geschichte des Islams und des Verhältnisses von Religion und Politik. Sie endet mit einem Ausblick, der skeptischer ist als der in den beiden vorgenannten Büchern: Der Islam sei geprägt von einer negativen Vorstellung des Volkes als Masse der demütigen Gläubigen, die positive westliche Idee des Volkes als Gesamtheit der Staatsbürger sei ihm fremd. Muslime müssten heute notgedrungen beiden Konzepten gleichzeitig gerecht werden: "Wir drehen und winden uns und versuchen, den Mahlsteinen der unvereinbaren Prinzipien zu entrinnen."

Mostafa Daneschs "Der Krieg gegen den Westen" geht leider die Differenziertheit der anderen Bücher ab. Er suggeriert, es gebe einen einheitlichen, neuartigen Islam und der finde seine logische Fortsetzung im islamistischen Terror. Dem Iran weist Danesch dabei eine Schlüsselrolle zu. Angesichts einer apokalyptischen Vision vom möglichen Untergang der Welt als Folge des Zusammenpralls der Kulturen in der unruhigen Region fällt seine Lösungsperspektive bescheiden aus: Die Europäer müssten im Nahen Osten "eine gemeinsame Stimme finden".

Thomas Hanke
Thomas Hanke
Handelsblatt / Korrespondent in Paris
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