Arbeiter befürchten Entlassungen
Fiat sucht Ausweg aus der Krise

Der größte Beifall galt einem Abwesenden. Giovanni Agnelli (81), Fiats Ehrenpräsident, war erstmals seit 60 Jahren bei der Hauptversammlung seines Unternehmens nicht dabei. Der große alte Mann der italienischen Industrie ist zu einer medizinischen Behandlung in die USA gereist.

dpa ROM. Ausgerechnet jetzt, da der Autohersteller in der großen Krise steckt, fehlt Agnelli. "Wir müssen wieder anfangen, nicht nur sonntags zu gewinnen", hatte er vor seinem Abflug scherzhaft mit Blick auf den Meistertitel von Juventus Turin und die Ferrari-Erfolge gesagt.

Nach Scherzen war der Fiat-Spitze am Dienstag in Turin aber eigentlich nicht zumute. Die Führung unter Paolo Fresco und Paolo Cantarella legte eine verheerende Bilanz vor. Einem Nettogewinn von 193 Mill. ? in den ersten drei Monaten 2001 steht jetzt ein Verlust von 529 Mill. ? gegenüber. Der Umsatz ging im ersten Quartal wegen des schlecht laufenden Auto-Sektors um 4 % zurück, die Verschuldung stieg auf 6,6 Mrd. Euro. "Wenn 2001 schon ein schlechtes Jahr für Fiat war, dann hat der Auftakt 2002 das noch übertroffen", kommentierte ein Journalist im Fernsehen.

Die Fiat-Krise bewegt Italien. So war die Hauptversammlung des Unternehmens gar die Top-News in den Mittagsnachrichten des staatlichen Fernsehens RAI. "Die Fragen sind: Ist Fiat in der Krise? Wie groß ist die Krise? Wird Fiat aus der Krise herauskommen?", sagte ein Kommentator. Die Verkaufszahlen der Neuwagen sind nach Angaben des Konzerns um 15 Prozent im Vorjahresvergleich eingebrochen. Seit Anfang der 90er Jahre gingen mehr als ein Drittel der Marktanteile verloren, errechnete eine Zeitung.

Fiat hat in der Vergangenheit nach Meinung von Experten einiges verschlafen und leidet deshalb besonders unter der Krise des internationalen Automarktes. Vor allem weigert sich der alte Agnelli strikt, die Auto-Sparte zu verkaufen - was dem besonders auf dem Versicherungs-, Flugzeug- und Medienmarkt erfolgreichen Konzern aus der Krise helfen würde.

Wird die Auto-Produktion gedrosselt?

Beobachter glauben, dass zu den neuen Strategien von Fiat vor allem eine Drosselung der Auto-Produktion gehören wird. Viele Arbeiter befürchten Entlassungen, Turin bangt um seine Stellung als einer der wichtigsten Industrie-Standorte in Italien. Auch Verkäufe von einzelnen Geschäftsteilen werden nicht mehr ausgeschlossen.

Der neue Geschäftsführer von Fiat Auto, Giancarlo Boschetti, hat eine schwere Aufgabe vor sich. Neue Modelle müssen her, um der Konkurrenz von Ford, Volkswagen und Toyota die Stirn zu bieten. Schließlich hängt den Fiat-Produkten immer noch das Klischee der "Nutzwagen" an, die dem Schick japanischer oder deutscher Flitzer nicht standhalten können.

Selbst Ministerpräsident Silvio Berlusconi versucht, der Agnelli- Dynastie unter die Arme zu greifen und bestellte kürzlich symbolisch eine der neuen Luxus-Limousinen "Lancia Thesis", auf die das Unternehmen gerade seine Hoffnungen konzentriert. "Was mich betrifft, so hat Fiat einen neuen Kunden", verkündete Berlusconi lächelnd.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%