Arbeitgeberpräsident Hundt: "Ein Skandal"
Die Schwächen deutscher Schüler

Deutschlands Schüler müssen nachsitzen. Sie können nicht richtig lesen, verstehen einfache Textaufgaben nicht und haben große Lücken bei den Naturwissenschaften.

ap BERLIN. Beim bisher weltweit größten Schulleistungsvergleich Pisa (Programme for International Student Assessment) gehören die 15-Jährigen zu den Schlusslichtern im internationalen Vergleich. Der Schock über das katastrophale Abschneiden bei der OECD-Studie sitzt tief. Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt sprach von einem Skandal.

Die OECD testete in 32 Ländern insgesamt 250 000 Schüler, 6 000 davon in Deutschland. Zu den Spitzenreitern gehören Kanada, Finnland, Australien und Neuseeland. Hinter Deutschland rangieren nur noch Länder wie Mexiko, Polen oder die Russische Föderation. Die Misere in deutschen Klassenzimmern ist schon lange bekannt. Bildungsexperten war auch bewusst, dass deutsche Schulabgänger nicht mit Spitzenwissen im internationalen Vergleich aufwarten können.

Leseschwäche bei deutschen Kindern

Doch besonders die große Leseschwäche hat überrascht und gibt zu denken. Denn damit fehlen den Kindern wichtige Grundlagen, um sich in einer modernen Gesellschaft orientieren und qualifizieren zu können. Schon jetzt klagen Unternehmen, dass viele Lehrlinge die Prüfungen auf Grund von Rechtschreib- und Leseschwächen nicht bestehen. Arbeitgeberpräsident Hundt sprach von faktisch 22 % Analphabeten, was ein Skandal für eine führende Industrienation sei. Ministerin Bulmahn forderte Eltern und Lehrer auf, mehr Interesse bei den Kindern an Büchern zu wecken.

Mehr als 40 % der Schüler gaben in der Studie an, kein Vergnügen an Büchern zu haben. Besonders Jungen bekundeten, nicht "freiwillig" zu lesen. Und noch etwas dürfte den Bildungsexperten bitter aufstoßen. In kaum einem anderen Land ist der Zusammenhang zwischen sozialem Status und Bildungsergebnissen so drastisch wie in Deutschland. Im Klartext heißt das: Kinder aus sozial schwachen Elternhäusern und Migrantenfamilien sind leistungsschwach und haben geringere Bildungschancen. Jahrelange Vernachlässigung bei der Sprachförderung von Kindern ausländischer Herkunft wirkten sich bei der Studie deutlich aus. Das schlechte Abschneiden Deutschlands erkläre sich auch aus der mangelnden Integration ausländischer Kinder, unterstreicht der OECD-Bildungsexperte Andreas Schleicher. Andere Länder mit ähnlichem Migrantenanteil wie Großbritannien schafften eine wesentlich bessere Integration und schnitten insgesamt besser ab.

Deutschland bei Bildungsausgaben unter Durchschnitt

Auch die mathematischen und naturwissenschaftlichen Kenntnisse der deutschen Teenager sind mangelhaft. Zudem gehören die deutschen Schüler zu den Spitzenreitern bei Klassenwiederholungen und werden im internationalen Durchschnitt zu spät eingeschult. All das sind keine guten Voraussetzungen, um das Bildungssystem auf Vordermann zu bringen. Am Geld allein liegt das schlechte Abschneiden aber nicht. Darin sind sich Politiker und Wissenschaftler einig, auch wenn Deutschland im OECD-Durchschnitt geringfügig niedrigere Bildungsausgaben verzeichnet.

Die OECD verwendete vor der Pisa-Studie mehr als drei Jahre darauf, um zwischen den 32 teilnehmenden Ländern eine Vergleichbarkeit der Aufgaben herzustellen. Bei Pisa ging es nicht um das Abfragen von Wissen, sondern um dessen Anwendung. Das Verstehen von Sachzusammenhängen, logisches Denken und die Bewertung von Aufgaben waren gefragt. Ein Überblick über die Studie bietet die Seite http://www.pisa.oecd.org.

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