Arbeitskampf in der Metallindustrie
Kommentar: Aus dem Ruder

Die Dramaturgie entspricht dem sattsam bekannten Bild von der IG Metall. Weil die Arbeitgeber nicht freiwillig klein beigeben, droht ihnen jetzt der Arbeitskampf. Ohne lange zu fackeln, bereiten die Metaller die Urabstimmung vor. Das soll Stärke demonstrieren. In Wahrheit aber verbirgt sich Schwäche hinter dieser wilden Entschlossenheit. Die IG Metall will keinen Streik, mit dem sie Gerhard Schröder und den Sozialdemokraten den Wahlkampf zu vermasseln droht. Dass sie dennoch ihr Heil in der Eskalation sucht, zeigt, wie hilflos gefangen die einst mächtige Gewerkschaft in ihrem Selbstverständnis als Kampforganisation ist.

Den Spiegel halten ihr ausgerechnet die Kollegen von der IG Chemie vor. Einmal mehr haben sie in dieser Tarifrunde gezeigt, wie wirkungsvolle Interessenvertretung in einer globalisierten Arbeitswelt funktioniert. Nur drei Verhandlungsrunden brauchte die Chemiegewerkschaft, dann hatte sie den Arbeitgebern den höchsten Tarifabschluss seit Mitte der neunziger Jahre abgerungen. Die IG Metall dagegen hat eine Einigung auch nach sieben Anläufen und trotz der Warnstreiks nicht geschafft.

Es gibt viele Gründe, warum es so weit nicht kommen darf, nicht einmal aus Sicht der Metaller. Die schädliche Wirkung eines Arbeitskampfes auf die Konjunktur ist nur einer davon. Die Wirtschaftsforschungsinstitute werden in ihrem Frühjahrsgutachten die Wachstumsaussichten für 2002 noch einmal deutlich nach unten korrigieren. Mit knapp einem Prozent rechnen sie jetzt, Deutschland bleibt weiter das Schlusslicht in Europa. Ein Streik für eine Lohnforderung, die weit über denjenigen unserer Nachbarländer liegt, riskiert deshalb in fahrlässiger Weise Jobs. Aber auch die eben erst mit den Arbeitgebern vereinbarte Gleichstellung von Arbeitern und Angestellten in der Metallindustrie gerät in Gefahr. Mehr als zehn Jahre lang hat die IG Metall dafür gerungen, dass gleiche Arbeit auch gleich bezahlt werden muss. Jetzt treten die Arbeitgeber verärgert den Rückzug an, die wichtigste Neuerung dieser Tarifrunde droht auf der Strecke zu bleiben. Schließlich gibt es noch einen dritten Grund, warum die Metaller mit einem Arbeitskampf ihrer Sache mehr schaden als nützen: Sie drängen die Betriebe aus dem Flächentarif. Was hat ein Unternehmen von einem kostenträchtigen Tarifkartell, wenn es ihm in wirtschaftlich schwierigen Zeiten nicht einmal den Arbeitsfrieden garantiert? Die Antwort auf diese Frage wird eine Absetzbewegung sein, die den Machtverlust der IG Metall weiter beschleunigen wird.

Doch die Ratio hatte es bei den Metalltarifparteien schon immer schwer. Ihre Tarifpolitik ist der fortwährende Versuch, den Gegenüber auszutricksen. Dabei machen auch die Metallarbeitgeber eine schlechte Figur. Mit allen Mitteln haben sie in den vergangenen Wochen versucht, die Einigung hinauszuzögern in der Hoffnung, die Chemie käme ihnen wie vor zwei Jahren zu Hilfe. Diesmal aber ging das Kalkül daneben, die Arbeitgeber haben sich bei der Höhe des Chemieabschlusses schlicht verschätzt. Dass IG Metall und Gesamtmetall wenige Stunden nach dem Chemie-Kompromiss ihre Verhandlungen für gescheitert erklärten, liegt nur vordergründig an den verbliebenen Zehntelprozenten, die sie noch auseinander waren. In Wahrheit ging es um Sieg oder Niederlage, darum, ob Metall geringfügig über oder unter der Chemie abschließt. Für diese Form der Gesichtswahrung ist der nun bevorstehende Arbeitskampf ein viel zu hoher Preis. Zumal die streikanfälligen Unternehmen die Kraftprobe mit der IG Metall kaum lange durchhalten dürften. In dieser verfahrenen Situation kann nur noch ein Schlichter helfen. Gewerkschaft und Arbeitgeber haben diese Option bisher abgelehnt. Sie müssen sie noch einmal überdenken. Am 6. Mai sollen die Streiks beginnen. Bis dahin sind es noch 14 Tage - Zeit genug für eine friedliche Lösung.

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