Arbeitskampf in der Metallindustrie
Kommentar: Das missbrauchte Recht auf Streik

Die IG Metall hat Recht: Streiks sind legitim. Als äußerstes Mittel, die faire Teilhabe der Arbeitnehmer am wirtschaftlichen Wohlstandsgewinn durchzusetzen, müssen sie gestattet sein.

So weit das kleine Einmaleins der Tarifautonomie, das gestern Gewerkschaftsfunktionäre landauf, landab in ihren Fensterreden zum Tag der Arbeit bemühten. Schließlich ziehen die Metaller ab Montag in den Arbeitskampf. Da kann moralischer Beistand aus der DGB-Familie nicht schaden.

Doch selten ist der Missbrauch dieses Grundrechts der Gewerkschaften so offensichtlich geworden wie an diesem 1. Mai. Die Metallarbeitgeber bieten 3,3 Prozent mehr Lohn. Bei einem erwarteten Wirtschaftswachstum von gerade mal einem Prozent, einer Inflation um die zwei Prozent und vier Millionen Arbeitslosen ist das wahrlich angemessen. Trotzdem gebärdet sich die IG Metall, als müsse sie skrupellose Manchesterkapitalisten zur Vernunft bringen, als würden ihre Mitglieder schamlos um die Früchte ihrer Arbeit betrogen.

Ökonomisch gibt es keine Rechtfertigung für diesen Arbeitskampf. Eine Vier vor dem Komma, erklärtes Ziel der Metaller, mag für die Mehrzahl der Unternehmen im wirtschaftlich starken Südwesten gerade noch verkraftbar sein. In Flensburg und Frankfurt an der Oder ist diese Lohnzahl aber entschieden zu hoch. Dass die IG Metall trotzdem in den Streik zieht, lässt sich nur vor dem Hintergrund eines wachsenden Berges interner Probleme erklären. Der Arbeitskampf soll eine Gewerkschaft zusammenhalten, die angesichts des Wandels der Arbeitswelt tief verunsichert ist, die jedes Jahr Zehntausende Mitglieder verliert.

Ihre Funktionäre machen sich kaum die Mühe, diese Gründe für den Streik zu verbergen. Sie argumentieren nicht wirtschaftlich, sondern in erster Linie mit der Psychologie. Da ist von dem Chemieabschluss die Rede, der unbedingt übertroffen werden muss, weil schon die Forderung der Metaller höher gewesen ist. Da müssen die zum Streik aufgestachelten Mitglieder als Argument herhalten, warum ein Ergebnis unter vier Prozent nicht mehr möglich ist. Da spricht selbst der Bundeskanzler offen vom Machtkampf um den IG-Metall-Vorsitz, der diese Tarifrunde belastet. Zugegeben, die IG Metall steckt in der Klemme. Doch das Streikrecht ist nicht dazu da, ihr aus der selbst verschuldeten Sinnkrise herauszuhelfen.

Dieser Arbeitskampf ist rausgeschmissenes Geld. Er löst keines der Probleme, derentwegen die Tarifpolitik so sehr in die Kritik geraten ist. Ein überhöhter Abschluss mag kurzfristig vielleicht die Mitglieder der IG Metall befriedigen. Dem Anspruch auf faire Teilhabe aller am gesellschaftlichen Wohlstand aber wird er nicht gerecht. Denn er schließt Millionen Menschen aus, indem er ihre Arbeitslosigkeit zementiert. Wahrlich eine traurige Bilanz. Wen eigentlich will die IG Metall in Zukunft mit dieser Politik gewinnen?

Der 1. Mai im Schatten des Arbeitskampfes wäre ein guter Anlass für die Gewerkschaften gewesen, Auswege aus dieser Sackgasse aufzuzeigen. Es gibt sie, und sie sind sattsam bekannt. An erster Stelle steht eine Reform des Flächentarifs, die den Lohn an den wirtschaftlichen Erfolg der Unternehmen koppelt. Doch davon will die IG Metall nichts wissen. Ihre Antwort auf die veränderte Arbeitswelt erschöpft sich in einem neuen Streikkonzept. Als Kampfmaschine ist die IG Metall einst groß geworden - als Kampfmaschine will sie jetzt offenbar untergehen.

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