Arbeitskreis der Landesmedienanstalten berät heute über Zugangsregelungen bei Set-Top-Boxen
Digitales Fernsehen im Decoderstreit

Muss Kirch künftig seine D-Box für die interaktiven Angebote anderer TV-Anbieter öffnen? Das ist eine der entscheidenden Fragen, wenn der Arbeitskreis "Digitaler Zugang" der Landesmedienanstalten heute in Berlin die Satzung über den diskriminierungsfreien Zugang zu den Set-Top-Boxen berät.

DÜSSELDORF. Am Wochenende startet die ARD rund um die Fußball-EM zahlreiche interaktive Dienste über ihr digitales Programmangebot. Während des Spiels kann der Zuschauer beispielsweise via Fernbedienung am Gewinnspiel, wer Europameister wird, teilnehmen oder sich über den zusätzlichen Onlinekanal Spielanalysen, Statistiken und anderes anschauen. Diese schöne neue interaktive TV-Welt können derzeit aber nur die rund 50 000 Besitzer der so genannten Fun-Decoder empfangen. Hinter Fun steht eine Interessengemeinschaft von über 40 Medienunternehmen vom Programmanbieter ARD bis hin zu Endgeräteherstellern wie Galaxis und Panasonic, die offene Plattformen für digitales Fernsehen propagieren. Über die rund zwei Millionen D-Boxen der Mediengruppe Kirch, die beim Digitalen TV die Monopolstellung hat, läuft die interaktive EM nicht.

Der Fernsehzuschauer, der über Satellit hier zu Lande gerne alle digitalen TV-Angebote nutzen will, braucht zur Zeit zwei Decoder. Eine Situation, die wenig nutzerfreundlich ist und nach Einschätzung von Branchenbeobachtern die Entwicklung des digitalen Fernsehens in Deutschland stark hemmt.

Die Situation würde sich ändern, wenn die Decoder allen Anbietern offen, sozusagen diskrimierungsfrei wären. Das sind die D-Boxen nach Ansicht aller Marktteilnehmer außer eben der Kirch-Gruppe nicht. Wie diese Diskriminierungsfreiheit, die der seit April gültige 4. Rundfunkstaatsvertrag im § 53 vorschreibt, nun im einzelnen umzusetzen ist, darüber berät heute der Arbeitskreis "Digitaler Zugang" der Landesmedienanstalten.

Eine praktische Möglichkeit für den offenen Zugang ist die "Common Interface Schnittstelle", wie sie beispielsweise Österreich und die Schweiz gesetzlich vorschreiben. Die Decoder haben dann einen Einsteckschlitz, in den die entsprechenden Module mit der Entschlüsselungssoftware gesteckt werden können. Eine solche Common-Interface-Schnittstelle hat die aktuelle D-Box von Kirch zur Zeit nicht, die neuen Geräte müssten dann entsprechend ausgestattet werden.

An einem solchen für alle Anbieter offenen Standard ist die Kirch-Gruppe aber nicht interessiert. Auf dem Medienforum diese Woche in Köln hat Dieter Hahn, stellvertretender Vorsitzender der Kirch Media AG noch einmal bekräftigt, sein Unternehmen müsse für das jahrelange Engagement im digitalen Fernsehen belohnt werden und wolle deshalb den eigenen Standard in punkto Codierung weder ändern noch offen legen.

Zur Zeit spricht einiges dafür, dass die Landesmedienanstalten sich auf eine Satzung einigen, in der nicht der Begriff Common Interface Plattform auftaucht. In dem aktuellen Satzungentwurf, über den die Arbeitsgruppe heute berät und der dem Handelsblatt vorliegt, jedenfalls taucht die Formulierung "Common Interface", nicht auf. Statt dessen ist von einheitlichen europäischen Standards die Rede, wie beispielsweise der Multimedia-Home-Plattform (MHP). Dieser Softwarestandard wird zur Zeit allerdings erst noch einwickelt. Branchenbeobachter rechnen erst im nächsten Jahr mit der Vorstellung marktreifer Geräte.

Für die Kirch-Gruppe und ihren D-Box-Standard wird sich, wenn der Entwurf ohne die Forderung nach der Common Interface verabschiedet wird, erst einmal nichts ändern. Das ist nicht nur von Vertretern der Fun-Allianz zu hören, sondern auch aus dem Hause Kirch selbst.

Die Vertreter der Fun-Allianz befürchten zudem, dass eine Satzung, die kein Common Interface vorschreibt, die Diskussionen um Decoderstandards nur erneut in die Länge zieht und Entwicklung des digitalen TVs in den nächsten Monaten weiter bremsen wird.

Marktreife Geräte mit dem neuen Standard MHP werden frühestens 2001 erwartet. Und auch wenn alle wesentlichen Marktteilnehmer wie ARD, ZDF, RTL, die Fun-Allianz und auch die Kirch-Gruppe den Standard MHP grundsätzlich unterstützen, rechnen Marktexperten nicht mit einem schnellen Durchbruch, da die Interessendivergenzen zwischen den Marktteilnehmern grundsätzlich weiter bestehen.

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