Arbeitslosenquote auf neuem Rekord
Japan ruft den Beschäftigungs-"Notstand" aus

Die Hiobsbotschaften aus Japan reißen nicht ab: Die Arbeitslosenquote schoss im September auf den Nachkriegsrekord von 5,3 Prozent.

dpa TOKIO. Arbeitsminister Chikara Sakaguchi sprach am Dienstag von einem Beschäftigungs-"Notstand". Der schockierende Anstieg um 0,3 Prozentpunkte ist der stärkste seit März 1967. Damit sind offiziell jetzt 3,57 Mill. Menschen arbeitslos. Und es dürfte angesichts eines massiven Stellenabbaus und des drohenden Absturzes in eine schwere Rezession in den nächsten Monaten noch schlimmer kommen.

In Regierungskreisen lösten die Arbeitsmarktdaten die Alarmsirenen aus. Die Beschäftigungssituation werde zunehmend ernster. Als besonders Besorgnis erregend sehen Experten den drastischen Anstieg der Arbeitslosigkeit unter den Hauptverdienern in den japanischen Haushalten an: Im Berichtsmonat waren 930 000 ohne Beschäftigung, das sind 50 000 mehr als im Vormonat. Zugleich sank erstmals seit 17 Monaten die Zahl der Beschäftigten, um 530 000 auf 53,44 Mill. 100 Jobsuchenden stehen nur noch 57 Stellen offen. Die Zahl neuer Stellenangebote verringerte sich im Jahresvergleich um 8,5 %.

Terroranschläge und Rinderwahn schlugen voll durch

Dabei dürften die Auswirkungen der Terroranschläge in den USA und des ersten Falls von Rinderwahnsinn (BSE) in Japan erst im Oktober voll durchschlagen, wie auch die Regierung erklärte. Hinzu kommt der angekündigte verstärkte Abbau der noch immer massiven und die ganze Wirtschaft lähmenden Problemkredite im angeschlagenen Bankensektor. Die Bereinigung wird nach Ansicht von Analysten weitere Unternehmen in die Pleite treiben und den Umstrukturierungsprozess anheizen - und noch mehr Menschen arbeitslos machen. Analysten rechnen im nächsten Fiskaljahr mit einer Arbeitslosenquote von bis zu 6,2 %.

Zugleich verschlechtert sich die Einkommenslage, was bereits zu einer spürbaren Abschwächung des privaten Verbrauchs führte. Ein Anziehen des Privatkonsums aber, der zu rund 60 % zur wirtschaftlichen Leistung des Landes beiträgt, gilt als mit entscheidend für eine Erholung der Konjunktur. Ungeachtet dessen bekräftigte die Regierung, an ihrem Reformkurs festhalten und die Sanierung der Problemkredite vorantreiben zu wollen. Regierungschef Junichiro Koizumi hatte schließlich wiederholt erklärt, die Reformen würden Schmerzen bereiten, einschließlich höherer Arbeitslosigkeit.

Arbeitsminister plant verstärkte Beschäftigungsmaßnahmen

Arbeitsminister Sakaguchi und andere Minister kündigten allerdings verstärkte Beschäftigungsmaßnahmen einschließlich eines Nachtragshaushalts an, um die sozialen Folgen zu dämpfen. Jahrzehntelang galt Japan als beneidenswertes Industrieland, in dem annähernd Vollbeschäftigung herrschte. Doch in den 90er Jahren begann sich die Lage zu ändern. Unter den Japanern, die bisher auf das einst so erfolgreiche Prinzip der lebenslangen Beschäftigung vertrauten, macht sich zunehmend Unsicherheit breit. Japan erlebt die größte Krise der Erwerbsarbeit, seit sich die fernöstliche Nation aus den Entbehrungen der ersten Nachkriegsjahre herausgearbeitet hatte.

Die japanische Nachrichtenagentur Kyodo verwies am Dienstag darauf, dass Japan jetzt die dritthöchste Arbeitslosenquote unter den großen Industriestaaten nach Deutschland und Kanada habe. Dabei ist jedoch zu berücksichtigen, dass Japans Arbeitslosenstatistik längst nicht das ganze Ausmaß der Lage zeigt: Anders als in Deutschland lässt der japanische Staat regelmäßig repräsentative Umfragen durchführen. Jeder, der dabei einen noch so kleinen Nebenjob angibt, fällt aus der Arbeitslosenstatistik heraus. Auch die, die nicht mehr aktiv suchen, weil sie resigniert haben, werden nicht erfasst.

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