Arbeitslosigkeit in Nordamerika erhöht sich weiter
Hoffnung auf rasche Erholung in USA schwindet

Der sprunghafte Anstieg der US-Arbeitslosenquote auf 4,9 % im August hat die Sorge erhöht, dass die Konjunkturflaute länger dauert als erwartet. Gleichzeitig meldet das verarbeitende Gewerbe einen Lichtblick für das vierte Quartal. Die spannende Frage ist nun, ob die Verbraucher ihr Geld zurückhalten oder weiter ausgeben.

bac/gbr WASHINGTON/OTTAWA. Mit den neuesten US-Arbeitsmarktzahlen hat die Hoffung auf eine baldige Wende der Konjunktur einen weiteren Dämpfer bekommen. Die Arbeitslosenquote schnellte in den USA im August auf 4,9 % hoch. Das ist ein Anstieg um 0,4 Prozentpunkte gegenüber dem Vormonat und der höchste Stand seit vier Jahren. Experten hatten nur mit einer leichten Verschlechterung auf 4,6 % gerechnet. Auch in Kanada verschlechterte sich die Arbeitsmarktlage. Die Arbeitslosenquote stieg von 7,0 auf 7,2 %. Die negativen US-Arbeitsmarktdaten brachten die Aktienmärkte in Amerika und Europa erheblich unter Druck. Der Euro legte gegenüber dem Dollar dagegen zu.

Die größten Job-Verluste gab es erneut im verarbeitenden Gewerbe. Hier wurden in den USA von Juli auf August 141 000 Stellen abgebaut. In Jahresfrist schrumpfte die Zahl der Arbeitsplätze um fast eine Million oder 5,1 % auf nunmehr 17,5 Millionen. Die Beschäftigung im Dienstleistungsbereich stieg zwar noch leicht an, aber wesentlich langsamer als in den vergangenen Monaten. Insgesamt verzeichnete der öffentliche und private Sektor außerhalb der Landwirtschaft im August 132,3 Millionen Arbeitsplätze, 113 000 weniger als im Vormonat und nur 0,4 % mehr als vor einem Jahr.

"Die Wirtschaft steht vor größeren Bedrohungen, als wir dachten", sagte Jim Glassmann, Volkswirt bei der Investmentfirma J.P. Morgan Chase. US- Präsident George W. Bush äußerte sich "tief besorgt über die Arbeitslosenrate" und rief zu einem "Wachstumsplan" auf. Der Kongress solle sein Energieprogramm billigen, forderte Bush. Mit Steuererleichterungen von mehr als 30 Mrd. $ will die Regierung die Industrie wieder auf Touren bringen.

Trotz der neuen Daten sehen einige Analysten Licht am Ende des Tunnels. "Die Arbeitslosenrate ist immer dann am höchsten, wenn die wirtschaftliche Erholung kurz bevorsteht", erklärte Ken Mayland, Präsident von ClearView Economics. Andere Experten werten die Arbeitsmarktdaten vom August als Verzögerungseffekt aus dem schwachen zweiten Quartal, das nur ein mageres Wachstum von annualisiert 0,2 % aufwies. Mittlerweile haben jedoch viele US-Unternehmen ihre Warenbestände abgebaut, so dass sie bald wieder mehr produzieren könnten.

Weitere Leitzinssenkung erwartet

Hoffnungsschimmer kommen ausgerechnet aus dem krisengebeutelten verarbeitenden Gewerbe. "Wir rechnen mit einem deutlichen Aufschwung im vierten Quartal", sagte Franklin Vargo, Vizepräsident des Nationalen Verbandes der Hersteller (NAM), dem Handelsblatt. Die Aufträge in verschiedenen Schlüsselbereichen wie der Automobilindustrie zögen wieder an. "Zu Beginn des kommenden Jahres wollen wir neu einstellen", betonte Vargo.

Eine Schlüsselrolle für eine mögliche Konjunkturwende spielen die Verbraucher. Bislang haben sie ihr Geld vorwiegend ausgegeben und damit einen schlimmeren Abschwung verhindert. Die Frage ist nun, ob die US-Bürger die in diesen Wochen fällige Steuerrückerstattung in Höhe von insgesamt 38 Mrd. $ verkonsumieren oder auf die hohe Kante legen. Nach dem jüngsten Verbraucherindex der Universität Michigan wollen mehr als die Hälfte der Amerikaner die staatliche Finanzspritze sparen oder zur Schuldenrückzahlung verwenden. Das US-Bruttoinlandsprodukt speist sich zu zwei Dritteln aus dem privaten Verbrauch.

Angesichts der anhaltenden wirtschaftlichen Flaute richten sich die Augen wieder einmal auf die Federal Reserve Bank. Bereits sieben Mal hat die Notenbank in diesem Jahr die Leitzinsen gesenkt, um die schwachbrüstige Konjunktur zu stützen. Bruce Steinberg, Chefvolkswirt bei Merrill Lynch, hält es angesichts der aktuellen Arbeitsmarktdaten für "so gut wie garantiert", dass die Leitzinsen am 2. Oktober um weitere 25 Basispunkte gesenkt werden. Robert Parry, Fed-Präsident von San Francisco, schloss am Freitag nicht aus, dass die Konjunkturschwäche anhält. Er betonte aber, die US-Wirtschaft befinde sich nicht in einer Rezession, auch wenn "es sich derzeit so anfühle".

Kanadas Arbeitsmarkt bleibt schwach

In Kanada gingen im August 8 000 Arbeitsplätze verloren. Dies war der dritte Monat in Folge mit Stellenabbau. Seit Juni addiert sich das Minus auf 35 000 Arbeitsplätze. Der Anstieg der Stellensuchenden im August um 32 000 auf 1,172 Millionen ist auch darauf zurückzuführen, dass der Arbeitsmarkt um 24 000 Menschen wuchs. "Diese Zahlen sehen nicht allzu schlecht aus, sie sind jedenfalls nicht so schwach wie die der USA", urteilte Douglas Porter, Analyst bei BMO Nesbitt Burns in Toronto.

Dennoch zeige das generelle Bild, dass sich der Arbeitsmarkt weiter abschwäche "und vermutlich für den Rest des Jahres schwach bleiben wird", meinte Porter. Dass der Stellenabbau im August geringer gewesen sei als in den Vormonaten, stelle keinen Trendwechsel dar. Den Zuwachs bei den Stellensuchenden wertet Porter eher als monatliche Schwankung. Die Erwerbsbeteiligung sei dennoch mit 65.9 % niedriger als Ende 2000 mit 66.2 %.

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